Unerlässlich und oft freiwillig: Der Sprachunterricht
Integration Die UNO hat das Jahr 2026 zum Internationalen Jahr der Freiwilligen erklärt. Weltweit wird damit freiwilliges Engagement sichtbar gemacht, gewürdigt und gefördert.

Wie bedeutend Freiwilligenarbeit in der Schweiz ist, zeigt der Freiwilligen-Monitor Schweiz 2025: 41 Prozent der Bevölkerung engagieren sich in Vereinen und Organisationen. 51 Prozent unterstützen andere Menschen informell im Alltag, etwa durch Betreuungs- und Pflegeaufgaben.
Auch in der Region Lenzburg-Seetal setzen sich zahlreiche Menschen mit viel Herzblut für andere ein. Eine dieser engagierten Personen ist Martha Pabst, die sich seit vielen Jahren mit grossem Einsatz beim Verein Netzwerk Asyl engagiert.
Martha, wie bist du zum Netzwerk Asyl gekommen und was hat dich motiviert, dich dort freiwillig zu engagieren?
Die damalige Leiterin der Deutschkurse in Lenzburg hat mich angefragt. Wir hatten bereits verschiedene Projekte gemeinsam durchgeführt, und sie meinte, das wäre doch etwas für mich. Nach meiner Pensionierung als Primarlehrerin suchte ich eine sinnvolle Tätigkeit und neue Herausforderungen. Mein Leben in der Schweiz, ohne Krieg und im Schweizer Mittelland auch ohne Naturkatastrophen, ist privilegiert. Mit meinem Engagement kann ich Menschen aus anderen Ländern ein Stück weit unterstützen. Früher bin ich viel gereist und habe die Menschen in ihren Heimatländern kennengelernt. Jetzt kommen Menschen in unsere Kurse und bringen die Welt zu mir.
Kannst du kurz erzählen, was das Netzwerk Asyl anbietet und welche Rolle du dort übernimmst?
Der Verein Netzwerk Asyl Aargau bietet in Lenzburg gratis Deutschunterricht für Asylsuchende an. Wir führen Kurse auf den Niveaus A1, A2, B1 und B2 durch und unterrichten Analphabetinnen und Analphabeten. Ich selbst unterrichte Deutsch, koordiniere die Kurse und bin Ansprechperson für neue Teilnehmende sowie für Sozialdienste und Betreuungspersonen.
Wer besucht die Deutschkurse und weshalb ist dieses Angebot aus deiner Sicht so wichtig?
Die Teilnehmenden kommen aus der ganzen Welt, beispielsweise aus Syrien, Afghanistan, dem Iran, der Türkei, Eritrea, Äthiopien, Nigeria, Angola, der Elfenbeinküste, Sri Lanka, Thailand oder China. Unser niederschwelliges Angebot ist eine notwendige Ergänzung zu den staatlichen Sprachkursen. Die Teilnehmenden besuchen unsere Kurse, während sie auf einen Platz in einem staatlichen Angebot warten – manchmal über einen längeren Zeitraum hinweg. Andere kommen nach Abschluss eines Kurses zu uns, um ihre Sprachkenntnisse weiter zu festigen und zu vertiefen. Für viele Teilnehmende sind die Kurse zudem eine wertvolle Abwechslung in einem oft schwierigen Alltag. Sie geben Struktur, fördern soziale Kontakte und schaffen Begegnungen.
Welche Bedeutung hat deiner Meinung nach Sprache für Menschen, die neu in die Schweiz kommen?
Die mündliche und die schriftliche Sprache sind neben der Körpersprache ein wichtiges Mittel, um sich zu verständigen und sich an einem neuen Ort zurechtzufinden. Für die Integration ist dies unerlässlich.
Gibt es ein besonderes Erlebnis oder einen Erfolgsmoment aus deinem Engagement, der dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Eine Kursteilnehmerin, die gleichzeitig Deutsch sowie Lesen und Schreiben lernen muss, was sehr schwierig und mühsam ist, war bisher eher zurückhaltend. Während einer Lektion übten wir einfache deutsche Sätze wie: «Wie heissen Sie?» – «Ich heisse …». Plötzlich wurde die Teilnehmerin sehr lebhaft. Aufgeregt sprach sie in ihrer Muttersprache auf mich ein. Da ich zunächst nicht verstand, was sie mir sagen wollte, griff sie schliesslich zu ihrer Sprach-App. Sie meinte, wenn ich ihre Sprache lernen würde, könnte ich andere Sprachlernende noch besser verstehen und unterrichten. Wir könnten uns gegenseitig unsere Sprachen beibringen – ich ihr Deutsch, sie mir ihre Sprache. Diesen Deal nahm ich gerne an. Seitdem lerne ich selbst eine neue Sprache – mühsam und sehr, sehr langsam. Und ich weiss jetzt, wie schwierig es ist, eine Sprache zu lernen, von der man bisher keine Ahnung hatte und die zudem in einer fremden Schrift geschrieben wird. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf die Herausforderungen meiner Kursteilnehmenden verändert.
Hat dein freiwilliges Engagement deinen Blick auf Migration und Integration verändert?
Mir ist viel bewusster geworden, was Migration und Integration tatsächlich bedeuten – welche steinigen Wege bei Behörden das zuweilen sind und wie viel Geduld und Ausdauer die jeweilige Migrantin oder der jeweilige Migrant mitbringen muss.
Was wünschst du dir im Bereich Migration und Integration von der Politik und der Gesellschaft?
Ich wünsche mir vor allem schnellere Verfahren und dass Anträge schneller bearbeitet werden. Die Menschen warten oft jahrelang auf einen Entscheid. Sie sitzen herum – die meisten dürfen nicht arbeiten – und wissen nicht, wie es weitergeht.
Was gibt dir dein freiwilliges Engagement persönlich zurück? Warum ist dir dieses Engagement wichtig und was hast du selbst daraus gelernt?
Die menschlichen Begegnungen berühren mich und halten mich lebendig. Ganz nebenbei habe ich durch meine Tätigkeit auch die deutsche Sprache selbst noch einmal von Grund auf neu kennengelernt.
Das Netzwerk Asyl sucht immer wieder neue freiwillige Lehrpersonen in Lenzburg. Welche Voraussetzungen sollte man dafür mitbringen und was möchtest du Menschen mit auf den Weg geben, die sich ein solches Engagement überlegen?
Menschen, die bei uns unterrichten möchten, sollten gut Deutsch sprechen. Eine pädagogische Ausbildung oder Unterrichtserfahrung ist jedoch nicht erforderlich. Das Engagement kann sehr flexibel gestaltet werden: Von gelegentlichen Einsätzen als Assistenzperson bis zur Leitung eines Kurses einmal pro Woche ist vieles möglich. Wer noch keine Unterrichtserfahrung hat, wird bei Bedarf begleitet und unterstützt. Hilfreich sind vor allem Interesse an Menschen aus anderen Ländern und Kulturen sowie Verständnis für ihre Lebenssituation. Wer sich angesprochen fühlt, ist herzlich eingeladen, einmal bei uns vorbeizuschauen. Man kann zunächst einen Kurs besuchen, zuschauen oder direkt mithelfen.
Wer sich ein Engagement beim Netzwerk Asyl Aargau vorstellen kann, darf sich gerne direkt bei Martha Pabst melden unter 077 467 80 44.



