Die «Vögele»-Weiche des alten Bahnhofs «Lenzburg Stadt» soll wiederaufgebaut werden
Industriekultur Die Zeit bleibt nicht stehen, grosse Veränderungen mit Gewerbe- und Wohnüberbauungen sowie neue Verkehrsflächen prägen die Region. Basierend auf privaten Initiativen sowie mittels der Unterstützung durch Behörden sollen spezielle Zeitzeugen der regionalen Industrialisierung erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Schon bald wird eine Dreiwegweiche Eisenbahngeschichte erzählen.
Haben Sie unlängst wieder einmal mit der klassischen Holzeisenbahn, im Volksmund auch «Briobahn» genannt, gespielt? Ein altes, aber zeitloses Spielvergnügen, bestehend aus einzelnen Schienenelementen, Kurven und Geraden. Damit kann fast jede beliebige Streckenform gebaut werden, aber so richtig spannend wird es erst, wenn zum Bau der eigenen Streckenführung auch Weichen zur Verfügung stehen. Die Holzweichen aus dem Spielzeuggeschäft sind standardmässig Einfachweichen, welche nur einfache Verzweigungen, rechts oder links, ermöglichen. Das bietet zwar Möglichkeiten, wird mit der Zeit aber langweilig. Doch wer ein echter Holzeisenbahnprofi war, der war im Besitz einer Dreiwegweiche. Damit wurde die Entscheidung, ob der Spielzug nach links, geradeaus oder nach rechts fahren sollte, um eine Option erweitert. Bei der «richtigen» Eisenbahn waren solche Dreiwegweichen aber sehr selten anzutreffen. Eine davon lag über hundert Jahre im ehemaligen Bahnhof «Lenzburg Stadt».
Hinter dem neuen Gebäude des Bezirksgerichts in Lenzburg soll diese spezielle Dreiwegweiche (Fachbegriff: symmetrische Doppelweiche) als industriekulturelles Erbe bis 2027 wiederaufgebaut werden. Damit findet eine verkehrshistorische Installation ihren Weg zurück in die Nähe ihres ursprünglichen Einsatzortes. Die eisenbahntechnische Rarität wurde im Jahre 2005 durch SBB Historic anlässlich des Rückbaus des Bahnhofs «Lenzburg Stadt» ausgebaut und zwischengelagert. Im Sommer 2025 konnte mit der Stadt Lenzburg ein Dauerleihvertrag unterzeichnet werden mit der Absicht, die Parkgestaltung beim neuen Bezirksgericht mit dem Einbau der speziellen Weiche abzuschliessen. Bereits aufgestellt ist ein Wechselblinker mit Andreaskreuz vor dem ehemaligen Bahntunnel unter dem Bahndamm, welcher heute den Fussgängern und Radfahrern dient. Ebenso erläutern beim Tunneleingang die Informationstafeln des Vereins Industriekultur am Aabach die Geschichte des ehemaligen Stadtbahnhofs inklusive der Dreiwegweiche.
Im Jahre 1895 wurde die bereits 1883 eröffnete Seetalbahn um den Abschnitt Lenzburg–Wildegg ergänzt, um Anschluss an die Hauptstrecke Zürich–Brugg–Bern der Nordostbahn zu erhalten. Lenzburg selber war damals nur von der Nationalbahn erschlossen. Für den Bezirkshauptort bedeutete dies, dass ein neu erstellter Bahnhof «Lenzburg Stadt» auf dem Weg nach Wildegg bedient wurde. Bei der sogenannten «Spitzkehre» im Bereich Bleicherain wurde nun der aus dem Seetal herkommende Schienenstrang verzweigt in Richtung Bahnhof Lenzburg und in die neue Strecke nach Wildegg. Selbstverständlich für die damalige Zeit wurde im neuen Stadtbahnhof auch ein «Bahnhofbuffet» betrieben.
Die Spuren der ehemaligen Spitzkehre und des abzweigenden Bahngleises zum ehemaligen Stadtbahnhof sind noch zu erkennen: Beim «Spitzcheriweg», hinter dem Schulareal Angelrain, gibt es bis heute eine kleine Mauer sowie eine ganze Reihe grosser Bäume, welche bogenförmig in die grosse Rasenfläche hineinführen und die ehemalige Linienführung zum Stadtbahnhof erkennen lassen. Züge, welche auf der einspurigen Strecke von der «Spitzkehre» herkommend in den Bahnhof «Lenzburg Stadt» einfuhren, wurden durch die Dreiwegweiche auf eines der drei Gleise gelenkt. Als Zeitzeuge erhalten blieb die ehemalige Laderampe zum Gleis hin, um Güterwagen zu beladen. Heute dient sie als eleganter Eingang zum Firmengebäude von Villeroy & Boch.
Dreiwegweiche – eine technische Herausforderung
Die Funktion einer «normalen» Weiche ist es, einen einspurigen Schienenstrang auf zwei Gleise aufzuteilen, und ein Zug kann je nach Stellung der Weiche auf dem einen oder anderen Strang weiterfahren. Technisch erfolgt dies, indem an der Spitze der Weiche jeweils eine der beiden beweglichen Weichenzungen entweder auf der linken oder der rechten Seite an die feststehende Schiene (Stockschiene) angepresst wird und somit einen Zug in die entsprechende Richtung lenkt. In der Mitte, wo sich die inneren Schienenstränge kreuzen, befindet sich das keilförmige Herzstück.
Die Herausforderung einer Dreiwegweiche ist, dass sie mehr bewegliche Teile braucht, welche ineinandergreifen. Es braucht insgesamt vier Weichenzungen, um einen Zug nach links, nach rechts oder entsprechend geradeaus zu lenken. Diese Weichenzungen sind zudem gegenseitig so zu bedienen und zu verriegeln, dass keine unzulässigen Stellungen entstehen, die einen Zug zum Entgleisen bringen könnten. Ebenso entstehen zusätzliche Punkte, wo sich die Schienen kreuzen, sodass es für eine Dreiwegweiche insgesamt drei Herzstücke braucht.
Aufgrund der anspruchsvollen Mechanik vermied man den Einbau von Dreiwegweichen, ausser wenn die Platzverhältnisse so beschränkt waren, dass sich keine anderen ausführbaren Optionen boten, um einen Schienenstrang auf drei Gleise aufzuteilen. Diese Situation traf auch für das kurze Gleisfeld des Lenzburger Stadtbahnhofs zu, direkt auf der westlichen Seite beschränkten Bahnhofstrasse und Aabach das Bahnhofareal, auf der nördlichen Seite der einspurige Tunnel unter dem Bahndamm hindurch. Die engen Platzverhältnisse sind auch auf dem Gleisplan für den Bahnhof «Lenzburg Stadt» aus dem Jahre 1957 zu erkennen. 1984 wurde der Eisenbahnbetrieb nach Wildegg eingestellt und die Infrastruktur sukzessive zurückgebaut respektive umgenutzt. Lediglich die Lenzburger Industrie wurde via «Lenzburg Stadt» bis im Frühjahr 2005 mit Güterverkehr bedient.
Die «Vögele»Weiche – Industriekultur
Die Lenzburger Dreiwegweiche wurde im Jahre 1894 von der Maschinenfabrik Joseph Vögele aus Mannheim geliefert, einem für die damalige Zeit innovativen Lieferanten von Weichen, Drehscheiben, Stellwerken und Rangieranlagen für die Eisenbahnen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Mit der Dreiwegweiche Patent «Vögele» verfügte die Unternehmung für die damalige Zeit über eine patentierte Mechanik, um die Weiche zuverlässig zu bedienen und sicher zu befahren.
Der aufkommende Strassenverkehr zu Beginn des letzten Jahrhunderts führte dazu, dass sich die Produktepalette von Vögele zunehmend Richtung Strassenbau und Baumaschinen veränderte und sich rasch zur wichtigsten Sparte der Unternehmung weiterentwickelte. Wenn auch die Firma Vögele später an die für Strassenbauequipment bekannte Wirtgen Group (heute zu John Deere gehörend) verkauft wurde, so können Asphaltiermaschinen und Strassenfertiger der Marke Vögele bis heute im Strassenbau angetroffen werden. Im weitesten Sinne ist man dem Bau von Verkehrswegen treu geblieben.













