Salzkorn: Sagenhaft

Heiner Halder
Heiner Halder

Sagen sagen, was einst war. Ein prächtiges Beispiel bietet die «Entdeckung der verborgenen Stadt». Dank modernster Technik gelingt der Archäologie in Lenzburg mit Röntgenblick die Ortung des römischen Tempelbezirks, der zum Römertheater gehört. Dass im Lindfeld noch einiges im Boden steckt, war dank Funden schon seit über 100 Jahren bekannt. Sie wurden für mächtige Mauern, wie beim Müllerhaus, bei Neubauten genutzt. Doch der Fundus wurde nicht ausgeschöpft und vergessen.

Anno 1923 konnte im legendären Lenzburger Sagenbuch «Aus einem alten Nest» unter dem Titel «Das Gufen­städtli» von einer «gewaltig grossen Römerstadt» gelesen werden, die «Lorenz» hiess, worauf Lenzburg, Niederlenz und Lenzhard hinweisen. Sie war «von einem abscheulich entarteten Volke bewohnt, und so vertilgte endlich Gott dieses Sodom durch einen Feuer- und Steinregen». Daher findet man granitene Blöcke im Lindwald, wie etwa den Römerstein.

Zurück zur Realität. Zweifellos werden Lenzburg und das Museum Burghalde durch die Offenbarung des heiligen Bezirks historisch bedeutend aufgewertet. Weil die Grundmauern unterirdisch geschützt bleiben, kann leider von einem weiteren «Leuchtturm» nicht gesprochen werden. Auch drängen sich nach dem sensationellen Fund noch viele Fragen auf.

Wird unser stolzes Schloss ernsthaft konkurriert, reicht die neue Bestrahlung aus? Und bleibt jetzt das Wasserrad in der Bleichi definitiv auf Trockendock? Müssen Flurnamen wie das Lindfeld in Römerfeld und der Bauernhof in Römerhof umgetauft werden? Sollen am Jugendfestmanöver römische Kohorten die Freischaren und die Reiter mit Ben-Hur-Wagen unterstützen sowie die Marketenderinnen mit frommen Pilgern verstärkt werden? Und schliesslich: Muss Lentia in Lorenz umgetauft werden? Das lieber nicht.

 

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