Mit dem Rollstuhl von Genf nach Spanien
Eine Muskelerkrankung stellt Yannick Schaaf aus Othmarsingen vor unzählige Grenzen. Mit beeindruckendem Optimismus überwindet er viele davon. Sein neuestes Projekt: mit dem Rollstuhl von Genf nach Spanien fahren.

Yannick Schaaf spielt leidenschaftlich Hockey, liest gern Mangas, trifft Kollegen und liebt gutes Essen und das Reisen. Das hört sich nach einem ganz normalen jungen Erwachsenen an, und das wäre der 23-Jährige wohl auch ohne die Muskel-Erkrankung Duchenne-Muskeldystrophie, die sein Leben seit seiner Kindheit beeinträchtigt.
Die Krankheit macht sich in der Regel im Kleinkindalter bemerkbar mit einer Schwäche der Becken- und Oberschenkelmuskulatur. Danach schreitet sie meist rasch voran und endet mit dem Abbau der Herz- und Atemmuskulatur. Optimierte Therapien haben die Lebenserwartung jedoch in den letzten Jahren verbessert.
Krankheit ist im Alltag kein Thema
Bis zu seinem 10. Lebensjahr konnte Yannick Schaaf laufen und ein selbstständiges Leben führen. Heute sitzt er im Rollstuhl und ist bei fast allem auf Hilfe angewiesen: beim Kochen, beim Anziehen oder beim Öffnen der Eingangstüre. Trotzdem lässt sich Schaaf nicht behindern. Seit ihm seine Krankheit Grenzen auferlegt hat, testet er diese. Unermüdlich steckt er sich neue Ziele und meistert sie. Seit knapp einem Jahr wohnt er in Othmarsingen in einer eigenen Wohnung und bewältigt seinen Alltag selbstständig mithilfe eines Betreuers. Mit dessen Hilfe kann er auch seiner Leidenschaft, dem Kochen, nachgehen. Die Krankheit sei im Alltag kein Thema. «Man lebt damit und denkt nicht darüber nach.»
Yannick Schaaf ist zwar körperlich stark eingeschränkt und kann aus eigener Kraft nicht vor die eigene Wohnungstüre, das hält ihn aber nicht davon ab, in ferne Länder zu reisen. Sein letztes Projekt: eine Reise nach Japan. Mit seinem elektrischen Rollstuhl und zwei Betreuern hat er das Land bereist. Dort hat er auch seine Leidenschaft für das Reisen entdeckt. Und dort kam ihm auch die Idee für sein nächstes Projekt: Warum eigentlich nicht den Rollstuhl als Reisegefährt nutzen? Derzeit laufen die Vorbereitungen für seine nächste Reise, geplant auf Juli 2018. In 25 Tagen möchte Yannick Schaaf mit dem elektrischen Rollstuhl rund 500 Kilometer zurücklegen und von Genf der französischen Küste entlang bis nach Spanien fahren. Übernachten möchte er im Begleitfahrzeug oder im Zelt. Wie in Japan soll ihn ein Betreuer auf der Reise begleiten.
Das Ziel ist Tossa de Mar an der Costa Brava, ein Ort, an dem Yannick Schaaf als Kind am Strand spielte. Die Stationen der Reise seien jedoch eher sekundär, meint Schaaf. Der Weg sei das Ziel, sagt er mit ruhiger Stimme und fügt an: «Eine Wanderung von A nach B ist immer auch ein Stück weit ein Weg zur Selbstfindung.»
Die Reise möchte er mit seiner GoPro-Kamera festhalten. Später soll daraus ein Dok-Film entstehen. Mit seinem Projekt möchte er der Frage nachgehen, was es ausserhalb der Komfortzone alles zu entdecken gibt, und anderen Mut machen, ihre Ziele zu verfolgen. «Man kann jedes Ziel erreichen mit genügend Durchhaltewillen und ein bisschen Mut.»
Finanzielle Hürde: die Batterie
Ein weiteres Anliegen ist es ihm, das Bild vom Rollstuhlfahrer zu verändern: «Wir haben auch Träume und Ziele, man muss uns nicht bemitleiden.»
Derzeit beschäftigt sich Yannick Schaaf intensiv mit der Strecke, schaut Campingplätze an, markiert Fahrradwege und sucht nach Sponsoren für seine Reise. Während er die Reise nach Japan aus der eigenen Tasche berappen konnte, ist er für sein zweites Vorhaben auf fremde Hilfe angewiesen.
Finanzieller Knackpunkt ist die Lithiumbatterie für den Elektro-Rollstuhl – eine speziell langlebige Batterie. Um diese kommt Schaaf für sein zweites Projekt nicht herum, «eine gewöhnliche Rollstuhlbatterie müsste man bei einer derartigen Strecke zu oft aufladen». 6000 Euro will er dank Crowdfunding zusammenbekommen. Seit Anfang Dezember ist das Projekt auf startnex.com aufgeschaltet. Derzeit hat Schaaf zwei Unterstützer und 80 Euro zusammen. Das ist nicht viel. Trotzdem ist der junge Mann zuversichtlich. «Probleme sind da, um daran zu wachsen. Das klappt schon noch», sagt er und lächelt.



