Wie aus einem verschwundenenGrabstein ein Buch entstand
Möriken-Wildegg Der Möriker Roman Frey beginnt aus persönlichen Gründen, die Geschichte seiner Familie zu recherchieren. Den Plan, diese Erfahrung in Buchform festzuhalten, hatte er anfänglich nicht. Doch vieles auf seiner Reise in die Vergangenheit ist für ihn so eindrücklich, dass er beginnt, es aufzuschreiben.

Gleich zu Beginn unterstreicht Roman Frey: «Ich bin ein Mann der Wissenschaft und der Fakten.» Dennoch könne er sich manches während der Recherche zur Familiengeschichte nicht erklären. «Es gab Momente, die ich am ehesten als Déjà-vu bezeichnen kann», beschreibt er. «Dabei kannte ich die Menschen, über die ich in den Archiven gelesen habe, gar nicht persönlich. Trotzdem kam mir einiges sehr vertraut vor.» Hinzu sei gekommen, dass er bereits über einen längeren Zeitraum mit gesundheitlichen Problemen gekämpft habe. «Gleichzeitig stiess ich immer wieder auf Vorfahren, die an Lungenkrankheiten litten.» Es waren Augenblicke, in denen er sich der eigenen Endlichkeit bewusst wurde und das Gefühl hatte, dass Vergangenheit und Gegenwart sich überlappen.
Der Weg zur Recherche
Den Anstoss, mehr über die eigene Familie zu erfahren, gab die Aufhebung des Grabs seines Bruders. Es ist ein üblicher Vorgang nach 30 Jahren. Im Buch schreibt Roman Frey: «Mein Bruder hat keinen Grabstein mehr.» Damit fehlt konkret ein Ort zum Erinnern. «Diese Wehmut, dass kein Stein mehr an ihn erinnert, begleitet mich auf jedem Spaziergang», beschreibt er das Gefühl auf einem seiner Wege durch den Wald beim Schloss Wildegg. Nach dem Tod der Grossmutter ergaben sich Fragen wie: Was bleibt von einem Menschen, wenn sichtbare Spuren verschwinden? Also begann Roman Frey zunächst im Archiv des Zivilstandsamtes in Lenzburg zu forschen. «Glücklicherweise funktioniert das Archivsystem in der Schweiz sehr gut, und vieles ist erhalten», merkt er an. «Leider lässt sich meistens eher die männliche Linie nachverfolgen», so der Autor zu seinen Forschungen. «Sobald Frauen heirateten, nahmen sie ja den Namen ihres Ehemanns an.» Eine weitere Herausforderung seien die Schriften aus den vergangenen Jahrhunderten gewesen: «Mittlerweile gibt es Apps, die hier weiterhelfen. Mit der Zeit liest man sich ein.» Im Zivilstandsamt gelang es ihm, die väterliche Linie bis ins Jahr 1776 zurückzuverfolgen.
Eine grosse Hilfe für die weitere Recherche seien die digitalisierten Kirchbücher von Holderbank gewesen. «Diese wurden ab 1577 geführt und gaben mir weitere Einblicke», erzählt Roman Frey. Ausserdem sei das Staatsarchiv in Aarau ein weiterer Anknüpfungspunkt für die Forschung gewesen. «Plötzlich tauchen nicht nur Daten auf, es sind Personen mit ihren eigenen Erlebnissen, Geschichten und eben auch Leerstellen.» Diese Lücken oder leeren Flächen habe er füllen wollen, indem er versucht habe, das Gelesene bildlich wie eine Art Film im Kopf zu verarbeiten. Meistens sei das in ruhigeren Momenten möglich gewesen, zum Beispiel auf Spaziergängen oder vor dem Einschlafen. Der Autor führt aus: «Aber das gelang natürlich nicht unbedingt und hat mich sehr beschäftigt.» Und das so sehr, dass er mitunter schlaflose Nächte hatte.
«Meine Frau gab mir schliesslich den Rat, daraus ein Buch zu machen», erinnert er sich und fügt mit einem Lächeln hinzu: «Dabei sind Worte nicht unbedingt mein Gebiet. Beruflich habe ich mit Maschinenbau und Zahlen zu tun.» Inzwischen arbeitet er an seinem zweiten Buch. Darin steht eine Frau zur Zeit der Hexenverfolgung im Mittelpunkt, auf die er während seiner Familienforschung stiess. «Es wird deutlich fiktionalere Züge haben, aber die korrekte historische Einordnung ist mir wichtig», merkt Roman Frey dazu an. Sein aktuelles Buch handelt jedoch von der Spurensuche in der eigenen Familiengeschichte und seinen ganz persönlichen Erfahrungen, die sich unvermittelt aus dieser Recherche ergaben. Als Erkenntnis nimmt der Autor mit: «Wir sollten fragen, solange noch jemand antworten kann, und die Geschichte unserer Vorfahren weitertragen. Gräber verwinden irgendwann, Menschen sterben, und Erinnerungen gehen verloren.» Dafür möchte Roman Frey mit «Was der Stein nicht sagt» ein Bewusstsein schaffen. Wobei er es gern den Leserinnen und Lesern überlassen möchte, welche Art Stein mit «Was der Stein nicht sagt» gemeint sein könnte. «Das könnte ein Grabstein sein oder ein Stein aus dem Schloss Wildegg.» Für ihn sei der Taufstein in der Kirche in Holderbank inzwischen ein starkes Symbol. «Immerhin ist der Taufstein über 550 Jahre alt», sagt er. «Viele meiner Vorfahren werden bei Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen neben ihm gestanden haben.» Was auch immer im Laufe der Jahrhunderte geschah, der Stein blieb. Neben den üblichen Verkaufsstellen ist «Was der Stein nicht sagt» in der Lenzburger Buchhandlung OTZ erhältlich.



