Glocken, ein Feuer und gute Wünsche
Vergangenes Jahr alarmierten besorgte Einwohner aufgeschreckt durch das Silvesterfeuer am Staufberg die Feuerwehr. Verwunderlich: Denn der Brauch beruht auf einer jahrhundertealten Tradition.

Einer der wichtigsten Bräuche im Staufner Kalender ist sicherlich das Silvesterfeuer. Sein Ursprung liegt in vorchristlicher Zeit. Wollte man die Götter freundlich stimmen? Versuchten die Menschen, böse Geister zu vertreiben, oder gaben sie einfach ihrer Freude über die länger werdenden Tage Ausdruck?
Bereits im Frühjahr heisst es bei Ortsbürgern, Mitgliedern vom Verein für Geselligkeit, Lebenslust und Tradition (GluT) und den turnenden Vereinen «Stuude mache». An gemeinsamen Arbeitstagen im Wald entstehen zahlreiche Holz-Wellen für das Silvesterfeuer. Zwischen Weihnachten und Silvester bauen dann die Oberstufen-Schüler das Gerüst unterhalb des Friedhofs auf dem Staufberg.
Eine Pyramide himmelwärts
Am letzten Tag im Jahr ist früh Tagwache. Die Kinder versammeln sich auf dem Lindenplatz. An einem Brückenwagen ist ein langes Seil befestigt mit vielen Querstangen, an denen die Kinder den Wagen ziehen. Bald hallt es durchs ganze Dorf: «Strauwälle – Stuude, Strauwälle – Stuude» Vor den Häusern liegen Stauden, ein Stapel Holz oder ausgediente Weihnachtsbäume. Dass die Kinder am Silvester rauchen dürfen, finden sie am Anfang ganz toll und manches Bürschchen oder Mädchen zieht an einem grauslichen Stumpen. Nicht lange dauert das Hochgefühl – die feinen Gesichtlein werden bleich und bleicher und so haben viele Staufner Kinder für eine Zeit lang genug vom Tubaken.
Eine Fuhre Holz nach der anderen zieht der Traktor auf den Staufberg. Und bald füllt sich Rost um Rost im Holzgerüst. Gegen Abend ragt die schlanke Pyramide in den Himmel. Am Wachfeuer wärmen sich Silvesterbuben und -mädchen und viele Gäste; es riecht nach gebratenen Würsten.
Die Fackelträger haben ihre schweren Fackeln schon um elf Uhr angezündet und schwingen sie hin und her. Die Uhr an der Kirche rückt gegen Mitternacht. Vor der Kirche, auf dem Friedhof und auf dem Silvesterplatz stehen die Menschen dicht an dicht. Die Spannung steigt. – Jetzt wird das alte Jahr ausgeläutet. Mit dem zwölften Stundenschlag fahren die Fackeln in den Holzstoss. Stroh flackert auf, das Holz fängt Feuer. Die Glocken läuten das neue Jahr ein. Nach wenigen Minuten lodern die Flammen in den Nachthimmel und spiegeln sich in den Augen der Menschen. Händeschütteln, links und rechts: «Es guets Neus, bliiebet gsund!»
Noch nicht lange ist es her, da bangten einige Mitmenschen um die Kirche, als sie aus der Ferne das grosse Feuer auf dem Staufberg sahen.
Sie alarmierten die Feuerwehr, die mit Tatütata auf den Berg raste. Nichts brannte – ausser natürlich das prächtige Silvesterfeuer. Die Feuerwehrleute nahmen lauter Glückwünsche entgegen und wendeten ihr Einsatzfahrzeug erleichtert dorfwärts. (vs)



