«Das Volk ist der Chef»

Brunegg Nach politisch turbulenten Monaten will Bruneggs neuer Gemeindepräsident Patrick Mösch Ruhe und Vertrauen schaffen. Im Interview spricht er über seinen Start, die schwierige Suche nach einem fünften Gemeinderatsmitglied – und darüber, was auf dem Spiel steht, wenn das Milizsystem nicht mehr trägt.

Patrick Mösch, neuer Gemeindepräsident von Brunegg.Foto: Romi Schmid
Patrick Mösch, neuer Gemeindepräsident von Brunegg.Foto: Romi Schmid

Herr Mösch, Sie sind seit einigen Wochen Gemeindepräsident von Brunegg. Sind Sie in Ihrem neuen Amt angekommen?

Der Schritt vom Gemeinderat zum Gemeindepräsidenten war deutlich weniger einschneidend als der Wechsel vom politischen Neuling in den Gemeinderat im letzten Jahr. Neu leite ich die Sitzungen und übernehme zusätzliche Aufgaben, was ich als spannende Erweiterung meiner bisherigen Zuständigkeiten erlebe. Besonders freue ich mich darauf, erstmals die Gemeindeversammlung von Anfang bis Ende zu moderieren.

Brunegg hat politisch unruhige Zeiten hinter sich. Was war Ihnen beim Amtsantritt besonders wichtig?

Mir war wichtig, mit Pragmatismus und Sachlichkeit zu starten. In unruhigen Zeiten hilft es, sich auf das Machbare zu konzentrieren: Was können wir direkt beeinflussen und wo müssen wir Prioritäten setzen? Ein zentraler Schlüssel ist für mich die Kultur des Dialogs. Ruhe kehrt dann ein, wenn die Menschen sich gehört fühlen. Ich setze auf Verlässlichkeit durch klare Prozesse und Transparenz im Gemeinderat. Mein Ziel ist, dass die Bruneggerinnen und Brunegger wieder mehr Vertrauen in die Arbeit des Gemeinderats haben können.

Wie erleben Sie das Klima im Gemeinderat?

Das Klima im Gemeinderat nehme ich als sehr positiv wahr. Auf der persönlichen Ebene verstehen wir uns gut und ziehen alle am gleichen Strick. Weil wir aktuell nur vier statt fünf Gemeinderäte sind, sind wir alle gut mit Arbeit ausgelastet, aber auch bereit, anzupacken.

Welche Themen stehen für Sie momentan ganz oben auf der Prioritätenliste?

Glücklicherweise gibt es derzeit kein dringendes Einzelthema, sodass wir überlegt priorisieren können. Der Gemeinderat will Optionen zur Entlastung der Verkehrssituation prüfen, insbesondere im Bereich der Feldstrasse und mit Blick auf den Schwerverkehr. Parallel dazu legen wir den Fokus auf den Erhalt und die Weiterentwicklung unserer kommunalen Infrastruktur. Mit der Pensionierung von Monika Zuber steht zudem ein personeller Wechsel in der Kanzlei an. Diese Veränderung nutzen wir, um die Verwaltung organisatorisch weiterzuentwickeln und zukunftsfähig aufzustellen. Und schliesslich bleibt die Wahl einer neuen Gemeinderätin oder eines neuen Gemeinderats ein wichtiges Thema, damit der Gemeinderat wieder vollständig besetzt ist

Haben Sie bereits konkrete Legislaturziele formuliert?

Legislaturziele haben wir noch nicht formuliert, auch weil wir derzeit nur zu viert sind. Es ist sinnvoll, dies in Vollbesetzung anzugehen. Im Moment müssen wir uns vor allem um jene Themen kümmern, die unmittelbar unsere Aufmerksamkeit verlangen. Auch langfristig wollen wir pragmatisch bleiben. Ein klarer Schwerpunkt liegt für mich im Erhalt und in der Weiterentwicklung unserer Infrastruktur: Liegenschaften, Strassen sowie Wasser- und Abwassersysteme. Und natürlich behalten wir im Blick, was unsere Gemeinde ausmacht: die Einwohnerinnen und Einwohner, das lokale Gewerbe, die Familien, die Seniorinnen und Senioren und die Vereine.

Wo sehen Sie Brunegg am Ende der Amtsperiode 2026 bis 2029?

Wir brauchen keine disruptiven Veränderungen oder Prestigeprojekte, sondern in erster Linie ein solides Fundament, auf dem wir aufbauen können. Brunegg ist gut, so wie es ist. Die grösste Herausforderung wird sein, unsere Selbstbestimmung zu bewahren. Das gelingt uns nur, wenn wir das Milizsystem lebendig halten. Mein Ziel ist, dass sich bis 2029 wieder mehr Einwohner motiviert fühlen, sich für ihr Dorf einzubringen – sei es in der Politik, in Kommissionen oder Vereinen.

Welche Rolle soll Brunegg langfristig in der Region einnehmen?

In einem ersten Schritt geht es natürlich um die Annexion von Möriken-Wildegg, damit wir bezüglich Schlösser künftig sowohl über eine Sommer- als auch eine Winterresidenz verfügen. Spass beiseite: Für eine kleine Gemeinde wie Brunegg gibt es langfristig zwei realistische Optionen. Entweder wir bleiben stark regional vernetzt – wie wir es heute als Mitglied in vielen Verbänden und mit teilweise ausgelagerten Aufgaben bereits sind – oder wir denken irgendwann über eine Fusion nach. Aus meiner Sicht ist Brunegg für eine Fusion nicht ideal aufgestellt, weil wir geografisch immer der abgesetzte Juniorpartner wären. Gleichzeitig hat der letzte Sommer gezeigt, wie eng es um die Selbstständigkeit werden kann: Mit nur drei Gemeinderäten waren wir nicht weit von einer Verwaltung durch den Kanton entfernt. Auch jetzt gelingt es uns als Gemeinde nicht, den fünften Gemeinderatssitz zu besetzen. Gerade deshalb ist für mich klar: Unsere beste Rolle in der Region ist eine selbstbewusste, gut vernetzte Kleinheit, die ihre Aufgaben zuverlässig erfüllt und ihre Eigenständigkeit durch Engagement und Zusammenarbeit sichert.

Wie wollen Sie als Gemeindepräsident politisch führen?

Wenn man von einem beabsichtigten Führungsstil sprechen möchte, würde ich diesen als kooperativ-partizipativ bezeichnen. Als Gemeinderat müssen wir gemeinsam mit der Bevölkerung und der Verwaltung tragfähige Lösungen entwickeln. Dazu gehören transparente Kommunikation, die frühzeitige Einbindung der Betroffenen und eine sachliche, nachvollziehbare Entscheidungsfindung. Dennoch gilt für mich ein zentraler Grundsatz: Der Gemeindepräsident führt zwar die politischen Prozesse – aber in einer Demokratie bleibt klar, wer letztlich entscheidet. Das Volk ist der Chef.

Der Gemeinderat ist noch immer nicht voll besetzt. Wie stark belastet diese Vakanz?

Die Belastung lässt sich nur im Gesamtkontext beurteilen. Wir vier Gemeinderäte arbeiten alle in einem 100-Prozent-Pensum – die Gemeinderatsarbeit kommt zusätzlich dazu. Das eigentliche Problem ist daher weniger die Mehrbelastung als die fehlende Zeit zur Erholung. Und natürlich kann es im Alltag vorkommen, dass sich einzelne Geschäfte etwas verzögern, schlicht, weil die Ressourcen begrenzt sind.

Für die nächste Ersatzwahl sind innert Frist keine Kandidaturen eingegangen. Woran liegt das?

Auch wir im Gemeinderat diskutieren darüber. Einerseits könnte es sein, dass manche die Zusatzbelastung scheuen. Möglich ist aber ebenso, dass es durchaus geeignete Personen gäbe, die sich jedoch nicht von selbst melden – sei es, weil sie sich nicht aufdrängen möchten oder weil sie ihre eigene Eignung unterschätzen. Dieses Potenzial sichtbar zu machen und Menschen zu ermutigen, Verantwortung zu übernehmen, sehen wir als wichtige Aufgabe des Gemeinderats.

Was unternimmt der Gemeinderat, um mögliche Kandidatinnen und Kandidaten anzusprechen?

Der Gemeinderat nutzt jede Gelegenheit, um den Dialog mit der Bevölkerung zu suchen. Wir haben einige Leute direkt angesprochen, bisher aber noch niemanden gefunden, der Zeit und Lust hätte, unseren Rat zu komplettieren. Dabei ist das Amt spannend, bietet Gestaltungsmöglichkeiten und Einblicke in Themenbereiche, zu denen man sonst keinen Zugang hätte. Die Besetzung unserer Ämter und Kommissionen ist keine blosse Formalität, sondern mittelfristig eine existenzielle Überlebensfrage für unsere Gemeinde. Wenn wir die Eigenständigkeit von Brunegg bewahren wollen, müssen wir die Verantwortung auf die Schultern verteilen, die da sind.

Und wenn sich trotzdem niemand findet?

Wenn dieser Wille zum Engagement im Dorf nicht mehr vorhanden sein sollte, müsste der Gemeinderat mittelfristig konsequenterweise die Fühler bei den Nachbargemeinden ausstrecken, um Fusionsoptionen zu prüfen. Dabei muss uns bewusst sein: Bei einem Zusammenschluss mit egal welcher Nachbargemeinde wäre Brunegg aufgrund der Grösse immer der Juniorpartner.

Ist Brunegg ein Einzelfall – oder zeigt sich hier ein grundsätzliches Problem?

Die Schwierigkeiten bei der Besetzung von Milizämtern sind kein Brunegger Einzelfall. Es kommt ein Bündel struktureller, gesellschaftlicher und persönlicher Faktoren zusammen: die zunehmende Komplexität der Aufgaben, die zeitliche Belastung, die geringere Bereitschaft von Arbeitgebern, Flexibilität zu gewähren, sowie ein allgemeiner Rückgang der Bereitschaft, langfristige Verbindlichkeiten einzugehen, und das Sinken der Wertschätzung für politisches Engagement. Was Brunegg zusätzlich herausfordert, sind die geringe Einwohnerzahl und die Tatsache, dass viele Menschen hier wohnen, aber ausserhalb arbeiten. Das reduziert die Zahl potenzieller Kandidatinnen und Kandidaten und schwächt die alltägliche Verbundenheit mit der Dorfgemeinschaft.

Was passiert, wenn der Sitz längerfristig vakant bleibt?

Die Gemeindeordnung schreibt verbindlich vor, dass der Gemeinderat aus fünf Mitgliedern besteht. Auch zu viert bleiben wir zwar beschlussfähig, müssen aber immer wieder Ersatzwahlen durchführen. Wenn eine Gemeinde ihren Rat dauerhaft nicht voll besetzen kann, wird die Gemeindeabteilung des Departements Volkswirtschaft und Inneres aktiv. Solange wir zu viert gut funktionieren und unsere Aufgaben zuverlässig erfüllen, wird der Kanton die Vakanz wohl für eine gewisse Zeit tolerieren. Doch irgendwann ist die Grenze erreicht – und dann kann der Kanton einen Sachwalter einsetzen, der die Führung der Gemeinde übernimmt.

Sie wohnen und wirken in Brunegg. Was verbindet Sie persönlich mit der Gemeinde?

Ich bin 2011 nach Brunegg gezogen und damit kein «Ur-Brunegger», aber inzwischen schon lange hier zuhause. In den ersten Jahren war ich beruflich stark eingebunden und pendelte täglich nach Bern. Da blieb wenig Zeit, um im Dorf anzukommen. Erst als sich meine berufliche Situation veränderte und ich später das Amt als Gemeinderat übernehmen durfte, habe ich Brunegg besser kennengelernt. Durch dieses Engagement sind viele wertvolle Kontakte entstanden, die meine Integration erst richtig ermöglicht haben. Heute schätze ich Brunegg sehr: die Spaziergänge hinauf zum Schloss mit der wunderbaren Weitsicht, die kurzen Wege und die Begegnungen im Dorf – und natürlich frisches Brot im lokalen Café kaufen zu können. Das verbindet mich persönlich mit Brunegg und macht den Ort für mich zu einem echten Zuhause.

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