Zwischen Rückzug, Rhythmus und Resonanz

Lenzburg Julia Holtmann ist derzeit Gastkünstlerin in der Villa Sonnenberg in Lenzburg. Zwischen Schlossblick, Schafglocken und Atelier sucht sie nicht nach schnellen Resultaten, sondern nach Spuren, Übergängen und dem Mut, Dinge offenzulassen.

Julia Holtmann arbeitet derzeit als Gastkünstlerin in der Villa Sonnenberg.Foto: Romi Schmid
Julia Holtmann arbeitet derzeit als Gastkünstlerin in der Villa Sonnenberg.Foto: Romi Schmid

Es beginnt nicht im Atelier. Es beginnt draussen, auf dem Berg hinter der Villa Sonnenberg, bei den Gräsern im Abendlicht. Dort, sagt Julia Holtmann, habe sie diesen Moment gespürt, in dem etwas anfängt. Die Gräser faszinierten sie, «gleichzeitig zart und beständig, robust und zerbrechlich, biegsam und brüchig». Sie fotografierte sie wieder und wieder. Als sie später gemäht wurden und noch einen Tag lang in Haufen am Boden lagen, sah Holtmann darin poetische Bilder. Nun fliessen sie in ihre Arbeit ein.

Seit einigen Wochen lebt und arbeitet die Künstlerin als Gastkünstlerin in der Villa Sonnenberg. Mittlerweile sei bereits die Hälfte des Aufenthalts vorbei, sagt sie. «Die Zeit rennt plötzlich.» Die erste Woche hingegen habe sich endlos ausgedehnt angefühlt, voller intensiver Eindrücke. Jede Strasse habe gewirkt «wie im Märchenbuch». Von ihrem Wohnbereich aus blickt Holtmann direkt auf das Schloss.

Überhaupt sind es zunächst die Geräusche, die sie in Lenzburg vereinnahmen: das Plätschern der Quellen rund um die Villa, das Rascheln der Blätter, das Mampfen der Kühe, der Uhu, der sich jeden Abend meldet. «Es ist unglaublich laut auf eine sanfte, berührende Art», sagt Holtmann. In der Villa selbst habe sie sich vom ersten Moment an willkommen gefühlt.

Wenn der Ort die Arbeit verändert

Das Jahresthema der Ausschreibung lautete «in motion». Für Holtmann passte es zu ihrer Arbeitsweise und zu ihrer Lebenssituation. Sie war viel unterwegs, ohne festes Zuhause, beschäftigte sich stark mit dem Zeichenbuch, mit Abdruck, Erinnerung und Transformation. Ihre Ausgangsidee für Lenzburg war klar: Das Buch sollte eine zentrale Rolle spielen. Sie wollte vom Format des Buches ausgehen, es neu denken über Kopie, Wiederholung und Abdruck bis hin zur Auflösung.

Doch mit der Ankunft in Lenzburg veränderte sich auch die Arbeit. «Das hat sich tatsächlich vollkommen verändert», sagt Holtmann. Das Buch trat in den Hintergrund. Stattdessen entstand das Bedürfnis, draussen Eindrücke zu sammeln und diese im Atelier einfliessen zu lassen – nicht als fertige Arbeiten, sondern als Prozess. Diese Verschiebung passt zu ihrer Kunst. Holtmann arbeitet mit Zeichnung, Skizzenbuch, Naturbeobachtung, Rohmaterialien, Objekten und installativen Ansätzen. In Lenzburg entstehen serielle Arbeiten in kleineren Formaten, grössere Formate, Materialstudien, installative Betrachtungen und möglicherweise auch Objekte. Vieles ist noch offen. Genau darin liegt für sie der Wert der Residenz. Sie begreife diese Zeit weniger als Moment der Produktion, sagt sie, «sondern vielmehr als Geschenk von Raum und Zeit, wo sich Dinge entfalten dürfen».

Der Ort unterstützt dieses Entfalten. Die Villa Sonnenberg ist Rückzug und Begegnungsort zugleich. Holtmann spürt die Geschichte des Hauses und des Residenzprogramms. Gleichzeitig gibt ihr die Abgeschiedenheit die Möglichkeit, den eigenen Rhythmus zu bestimmen. Wenig urbaner Lärm, wenig Ablenkung – und doch sozialer Anschluss, wenn sie ihn sucht. «Ich merke, dass ich mich entschleunige, mehr ausprobiere, nachdenke, reifen lasse», sagt sie. Manchmal mache sie das nervös, weil sie es gewohnt sei, in einer Residenz viel zu produzieren. Aber gerade dieser Raum für leise Entwicklung sei wichtig. Ein Arbeitstag beginnt oft mit einem Gang auf den Gofi. Das Himmelsleiterli hinauf und wieder hinunter – wenn möglich morgens und abends. Dies habe ihrem häufigen Nachdenken über «Öffnen» und «Schliessen» eine neue Dimension gegeben. Danach folgen Frühstück und Atelier. Dort beginnt Holtmann nicht zwingend mit sichtbarer Arbeit. Aufwärmen könne auch bedeuten, eine Stunde lang nur zu denken. Häufig bringt sie eine trockene Pflanze mit, zeichnet zuerst im Skizzenbuch oder auf kleinen Formaten. Erst wenn sie angekommen ist, geht sie an eine grössere Arbeit, an etwas, das Konzentration, Mut oder körperliche Präsenz erfordert.

Sehen statt schauen

In ihrer Zeichnung geht es Holtmann nicht um reine Abbildung. Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen genauer Beobachtung und abstrakter Form. Sie interessiert sich für Verschiebungen, für das, was sich zeigt und zugleich entzieht. «Es geht mir keinesfalls um Objektivität, sondern um den Versuch des Sehens anstelle des Schauens», sagt sie. Sehen meint für sie: erkennen, begreifen. Konkrete Formen entstehen nicht immer aus direkter Beobachtung. Manchmal entwickeln sie sich aus der Ungenauigkeit einer Spur, aus einer Blindzeichnung, aus dem Prozess heraus.

Das Zeichenbuch bleibt trotz der veränderten Ausgangslage zentral. Es ist für Holtmann Notizbuch, Labor, Tagebuch, Archiv und Denkraum zugleich. In bewegten Zeiten übernehme es sogar die Funktion des Ateliers. Darin notiert sie Gedanken, sammelt Skizzen, Materialstudien, Erinnerungszeichnungen, Fundstücke und Ausstellungsideen. «Das Buch ist für mich ein steter Begleiter, Resonanz und Versuchsraum», sagt sie. Ein Ort, an dem Dinge ruhen und reifen dürfen.

Diese Haltung gab sie auch im Workshop «Das Zeichenbuch» weiter, den sie im Garten der Villa Sonnenberg leitete. Es ging nicht darum, Vorzeigbares zu schaffen. Vielmehr wollte Holtmann die Freude am Ausprobieren vermitteln, das unbefangene Spiel, das Brechen des eigenen Anspruchs. «Es gibt keinen korrekten Weg im Schaffensprozess», sagt sie. Zwischen zwei Buchdeckeln sei alles erlaubt und alles möglich. Geprägt wurde Holtmanns künstlerische Sprache von verschiedenen Orten. Sie lebt und arbeitet in Südspanien, studierte aber auch in Deutschland, Südafrika und Spanien. Deutschland habe ihre Arbeiten zeitweise dichter und düsterer gemacht, in Andalusien seien sie farbiger und gestischer geworden. Die Eindrücke aus Südafrika hätten etwas «Gewaltiges, Rohes» hinterlassen, das in ihren Arbeiten immer wieder hervorkomme.

Noch tiefer reichen die frühen Erfahrungen. Ihr Vater war Biologe und hatte zu Hause zeitweise ein kleines Forschungslabor. Holtmann wuchs auf einer Baustelle auf, in einem Wildgarten mit Trockenbiotop. Sie spielte mit Blindschleichen und Käfern, interessierte sich für kleinste Unkräuter. Von ihrer Mutter, die Geige spielte, erinnert sie sich besonders an barocke Töne. «Geschnörkelte Klänge und unregulierte Vegetation: Das ist irgendwie sichtbar in meinen Linien.» Auch der Blick von aussen auf Lenzburg hat Holtmann einiges entdecken lassen. Zuerst fielen ihr die vielen Eidechsen auf, die nicht nur am Stadtrand, sondern überall herumwuseln. Dann das dichte kulturelle Angebot gemessen an der Grösse der Stadt. Auch die Vögel findet sie bemerkenswert. Trotz starkem Verkehr nehme sie in Lenzburg viel lebhafte Natur wahr.

Am 8. und 9. August zeigt Julia Holtmann in einer Abschlussausstellung Arbeiten, die während ihres Aufenthalts entstanden sind. Was genau zu sehen sein wird, lässt sie offen. Sie hofft auf einen sichtbaren Dialog zwischen Zeichnung, Objekthaftem und dem Ort selbst. Am Tag der Vernissage wird es auch ein Künstlergespräch geben zusammen mit dem Kunsthistoriker Dr. Nicolai Kölmel, welches einen Kontext geben und auch die Ausstellung auf weiteren Ebenen erfahrbar machen wird.

Dem Publikum möchte sie keine eindeutige Lesart vorgeben. Sie findet es schön, wenn Menschen ihre eigenen Erfahrungen machen. Was es dafür brauche, sei Zeit. Arbeiten müssten die Chance bekommen, sich zu entfalten. So wie auch ihre eigene Arbeit in Lenzburg Zeit bekommt. Holtmann sagt, sie habe schon jetzt das Gefühl, «dass etwas Wichtiges passiert». Woran sie das am Ende merken wird? An ihrem Gefühl beim Arbeiten. An mehr Mut. An ihrer Arbeitsweise. Und an den Arbeiten selbst.

Weitere Artikel zu «Im Gespräch», die sie interessieren könnten

Lukas Fischer
Im Gespräch08.07.2026

Der Zahlungsbefehl – ein Brief mit Folgen

Recht-tipp
Der «Schmitte-Trail» ist ein neues Projekt des Vereins Alte Schmitte Seengen.Fotos: Verena Schmidtke
Im Gespräch08.07.2026

An sechs Stationen Seengen kennenlernen:Schmitte-Trail lädt zum Erkunden ein

Seengen Der Verein Alte Schmitte in Seengen ist immer gut für spannende Vorhaben: Nun gibt es neu den «Schmitte-Trail». Am 26. Juni fand die sommerliche…
Matthias Betsche
Im Gespräch01.07.2026

Aus dem Grossen Rat

post aus aarau Die Grossratsdebatte aus Sicht von Matthias Betsche, GLP, Möriken