Vom Solotrompeter zum Festivalgestalter
Lenzburg Marc Jaussi ist neuer Co-Leiter der Musikalischen Begegnungen Lenzburg. Der Trompeter will das traditionsreiche Festival nicht neu erfinden, aber dessen besondere Orte stärker ins Zentrum rücken. Das Programm 2026 trägt den Titel «Unerhört» – und will genau das sein.

Musikalische Begegnungen entstehen selten am Schreibtisch. Manchmal beginnen sie bei einem Kaffee, mit einer Frage, einem guten Bauchgefühl – und der Bereitschaft, die eigene Perspektive zu wechseln. Bei Marc Jaussi war es die Anfrage von Andrea Hofstetter, die den Ausschlag gab. Hofstetter prägt die Musikalischen Begegnungen Lenzburg seit vielen Jahren als Co-Leiterin und führt das Festival nun gemeinsam mit Jaussi weiter. Er übernimmt den Platz von Daniel Schaerer, der die musikalische Leitung bisher zusammen mit Hofstetter innehatte. «Ohne ihre charmante Anfrage wäre ich nicht bei den MBL», sagt der Trompeter.
Jaussi kommt nicht als Kulturmanager zu den MBL, sondern als Musiker. Als einer, der die Bühne kennt, das Üben im stillen Kämmerlein ebenso wie die grossen Konzertmomente. «Ich bin da sehr ehrlich: Ich favorisiere die Rolle des Interpreten, des Künstlers auf der Bühne», sagt er. Der Wechsel in die Programmgestaltung sei inspirierend und bereichernd, aber auch mit Arbeit und Aufwand verbunden. Entscheidend war für ihn deshalb die Zusammenarbeit. Andrea Hofstetter und er seien ein gutes Team, sagt Jaussi, sie sprächen dieselbe Sprache. Bei einem gemeinsamen Kaffee habe ihm sein Bauchgefühl gesagt: «Das passt.»
Musiker mit Bauchgefühl
Jaussi ist Solotrompeter beim Argovia Philharmonic, freischaffender Musiker, Kammermusiker und Pädagoge. Er bewegt sich zwischen Barock, Klassik, Jazz und Musical – und tut sich schwer damit, sich selbst stilistisch eng einzuordnen. Vielleicht habe er einen interdisziplinären Musikstil, sagt er. Am Ende sei es für ihn immer Musik. Genau dieses Denken passt zu einem Festival, das seit Jahrzehnten nicht einfach Konzert an Konzert reiht, sondern Begegnungen ermöglichen will. Die Musikalischen Begegnungen Lenzburg verbinden seit 1984 unerhörte Musik, mutige Programme und überraschende Begegnungen an besonderen Orten in der Stadt. Jeden Spätsommer präsentieren sie ein thematisch kuratiertes Programm mit sechs bis neun Konzerten an oft aussergewöhnlichen Orten in Lenzburg.
Für Jaussi ist klar: Diese Grundidee will er bewahren. Die überraschenden Begegnungen, die ungewöhnlichen Konzertorte, die Programme abseits des Gewohnten seien für die MBL zentral. «Für diese stehe ich voll und ganz ein», sagt er. Gerade die Vielfalt der Lenzburger Auftrittsorte bezeichnet er als Privileg, als Chance – und manchmal auch als Wagnis. Vor einigen Jahren spielte er mit «Unglaublech» im Rahmen der MBL in der Kletterhalle Kraftreaktor. Das Erlebnis sei visuell einmalig und akustisch herausfordernd gewesen.
Künftig möchten Jaussi und Hofstetter diese Orte stärker sichtbar machen. Nicht nur die Künstlerinnen und Künstler sollen im Fokus stehen, sondern auch die Räume, in denen Musik entsteht. Das reizt Jaussi besonders, denn Architektur ist eine seiner Leidenschaften. Bevor er professioneller Musiker wurde, absolvierte er eine Lehre als Hochbauzeichner. Ob ihm dieses architektonische Denken beim Bauen eines Festivalprogramms helfe? «Vielleicht», sagt er. Er lege allgemein Wert auf Ästhetik. Doch zum Glück sei er nicht allein: Es mache grossen Spass, diese Arbeit zusammen mit Andrea Hofstetter zu machen.
Suche nach dem Unerhörten
Das erste Programm unter der neuen musikalischen Co-Leitung steht unter dem Titel «Unerhört». Für Jaussi weckt dieses Wort die Neugier auf etwas Einmaliges, Überraschendes und Aufregendes. Musikalisch gesehen sei ohnehin jedes Livekonzert ein Unikat – unerhört. Dieser Begriff sei für ihn und Hofstetter eine Art Kompass gewesen. Alle Konzerte hätten in gewisser Weise einen Bezug dazu. Gleichzeitig wolle man sich nicht zu stark einschränken. Es gehe darum, «tolle Konzerte mit einer gewissen Vielfalt, Einzigartigkeit und vor allem mit wunderbaren Musikerinnen und Musikern an passenden Locations anzubieten».
Die 43. Ausgabe der Musikalischen Begegnungen Lenzburg findet vom 21. August bis 6. September statt. Den Auftakt macht das Jugendsinfonieorchester Aargau im Schloss Lenzburg mit dem Eröffnungskonzert «Odyssee». Danach führt das Festival in die Stadtkirche, wo unter dem Titel «Let the Bright Seraphim» Barockmusik mit Sopran, Trompete, Orgel und Cello erklingt. Jaussi steht an diesem Abend selbst als Trompeter auf der Bühne, zusammen mit Kathrin Hottiger, Anastasia Stahl und Jonas Iten.
Dass er im eigenen Festival auch als Interpret auftritt, freut ihn. Zugleich betont er, er habe sich nicht in den Vordergrund drängen wollen. Es sei aber der Wunsch aufgekommen, dass er sich ebenfalls musikalisch präsentiere. Auf den Barockabend freue er sich sehr. In dieser Konstellation hätten die Musikerinnen und Musiker noch nie gespielt. Barock ist für Jaussi ohnehin kein museales Fach. Er beschreibt die Barockzeit als «Jazz des 17. Jahrhunderts»: groovig, mit improvisatorischen Momenten und viel Schwung. Diese Offenheit zieht sich durch das Programm. «unheART» verbindet elektronische Harfe, Stimme, Schauspiel, Literatur, Musik und Performance im Alten Bezirksgericht. Im Stapferhaus bringt das PantaLeón Project Tango Nuevo auf die Bühne, ergänzt durch Tanz. «Will und Wahn» verbindet Schubert und Jazz zu einem Liederabend ohne Worte. Den Abschluss macht das Kinderkonzert «So ein Circus!» mit der Circusschule Magnolia und einem Duo aus Klarinette und Akkordeon.
Jaussi sieht keinen Widerspruch zwischen künstlerischem Anspruch und Niederschwelligkeit. «Klassische Musik ist für mich alltäglich, nahbar und im besten Falle auf höchstem Niveau gespielt», sagt er. Entscheidend sei, Erlebnisse zu schaffen. Zuhause auf dem Sofa, vor dem Fernseher oder Tablet sei es zwar bequem, aber bleibende Erinnerungen und Emotionen entstünden draussen, zusammen mit anderen Menschen – und mit Künstlerinnen und Künstlern.
Auch beim Publikum denkt Jaussi nicht in engen Zielgruppen. Die erfahrene Musikliebhaberin solle genauso ein passendes Konzert finden wie eine Familie. Wichtig sei, dass die Begegnung im Zentrum bleibe. Man dürfe mehrmals kommen und gerne weitererzählen.
Das Festival selbst steht, wie viele Kulturveranstalter, vor Herausforderungen. Jaussi will sich nicht als Fachmann für Finanzierungsfragen ausgeben. Was es brauche, um zu bestehen? «Attraktive Konzerte!» Die MBL stünden nicht in Konkurrenz zu anderen Festivals, sagt er. Sie wollten die Kulturlandschaft in Lenzburg bereichern und Künstlerinnen und Künstlern eine Plattform zu fairen Bedingungen geben. Dies sei möglich dank langjährigen Partnerschaften und viel freiwilliger Arbeit. «Es steckt viel Idealismus dahinter.»
Idealismus kennt Jaussi auch aus seiner eigenen Laufbahn. Sein Hobby zum Beruf gemacht zu haben, bezeichnet er als grosses Privileg. Die Leidenschaft sei geblieben. Er liebe das Üben im stillen Kämmerlein genauso sehr wie die Konzerte auf kleinen und grossen Bühnen. Motivationsprobleme kenne er nur ganz selten.
Dass Lenzburg für ihn mehr ist als ein Arbeitsort, spielt in seine neue Aufgabe hinein. Jaussi lebt seit einigen Jahren mit seiner Frau und den beiden Söhnen in der Stadt. Die Familie fühle sich hier sehr wohl, sagt er. Er spricht von einer Kleinstadt, in die sie sich schnell verliebt hätten: mit traumhafter Umgebung und offenen Menschen. Auch deshalb sei für ihn der Gedanke wichtig gewesen, sich aktiv am kulturellen Geschehen zu beteiligen und einen Beitrag zu leisten.
Zuhause fühlt er sich dort, wo ein Ort lebt. Jaussi und seine Frau mögen Altbaucharakter, nicht alles müsse perfekt sein. Auch die Natur ist ihm wichtig. Schloss, Gofi und Wälder nennt er ein Paradies. «Wir fühlen uns hier pudelwohl.»
Wer sagt, klassische Musik sei nichts für ihn, dem hält Jaussi keine Belehrung entgegen. Viele dächten bei klassischer Musik an Walzer und Mozartkugeln, sagt er – beides möge er übrigens sehr. Für ihn aber bedeutet klassische Musik eine «unfassbare Bandbreite an Vielfalt, Emotionen» und mache im besten Fall sprachlos.
Sprachlosigkeit als Ziel eines Festivals: Das ist ein schöner Anspruch. Und vielleicht auch ein ziemlich unerhörter.



