Stacheliger Superheld:Der Igel ist das Tier des Jahres 2026
Region Er lebt mitten unter uns und verschwindet doch leise. Der Igel ist das Tier des Jahres 2026 – gewählt als Symbol für eine Natur, die im gepflegten Alltag kaum noch Platz findet.
Im Frühjahr wird der Boden geglättet. Mit Sorgfalt, vielleicht sogar mit Hingabe. Mutterboden wird verteilt, Grassamen mit Sand vermischt, gleichmässig ausgestreut. Tag für Tag folgt der zarte Wasserstrahl, bis sich endlich das erste Grün zeigt. Bald darauf liegt er da: dicht, satt, makellos. Ein englischer Rasen. Eine Augenweide. Ein Traum für Gartenliebhaber. Und ein Albtraum für den Igel.
Ausgerechnet dieser Igel steht 2026 im Fokus. Pro Natura hat ihn zum Tier des Jahres ernannt – als Symbol für eine Natur, die mitten unter uns lebt und dennoch immer stärker unter Druck gerät.
Der Stachelhäuter, nachts unterwegs auf leisen Pfoten, sucht im Garten nicht die Ordnung, sondern das Leben. Käfer, Raupen und Würmer. Deckung unter Laub, Rückzugsorte in Hecken, kleine Unordnung am Rand. Wo alles kurz geschoren, gedüngt und gespritzt ist, findet der Stachelritter nichts davon. Was für menschliche Augen gepflegt wirkt, ist für ihn eine ökologische Wüste.
Kaum ein Wildtier lebt näher bei uns als der Igel. Er ist kein Bewohner entlegener Naturräume, sondern ein Kulturfolger. Gärten, Parks, Friedhöfe und Quartiere waren lange sein Lebensraum. Doch dieser Raum hat sich verändert – leise, schleichend, mitten im Alltag
Intensiv gepflegte Grünflächen verlieren ihre ökologische Funktion. Kunstdünger und Pestizide reduzieren die Insektenvielfalt, die wichtigste Nahrungsquelle des Igels. Exotische Pflanzen ersetzen einheimische Sträucher und Hecken. Laubhaufen gelten als unordentlich und verschwinden. Zurück bleiben saubere Flächen ohne Nahrung und ohne Schutz.
Dass der Igel heute auf der Roten Liste der International Union for Conservation of Nature steht, ist Ausdruck dieser Entwicklung. Der Rückgang geschieht nicht spektakulär, sondern dort, wo man ihn lange für sicher hielt: im Siedlungsraum. Genau deshalb wurde der Igel zum Tier des Jahres gewählt – als Mahnung und als Prüfstein dafür, wie lebenswert unsere Umgebung noch ist.
Gefahr beim Mähen
Besonders gefährlich wird es, wenn Ordnung automatisiert wird. Rasenroboter sind in immer mehr Privatgärten im Einsatz, oft auch nachts – genau dann, wenn Igel unterwegs sind. Wie viele Tiere dadurch verletzt werden, ist nicht bekannt. Klar ist aber: Die Gefahr nimmt zu, weil die Zahl der Geräte rasant wächst.
Eine wissenschaftliche Studie aus Dänemark, zusammengefasst vom Igelzentrum, hat 18 handelsübliche Mährobotermodelle getestet. Keines der getesteten Geräte erkannte Igel, ohne sie zu berühren. Keines stoppte für Igelbabys. Besonders problematisch waren Mäher mit feststehenden Messern, die deutlich grössere Schäden verursachten. Zwar schnitten einzelne Modelle besser ab – etwa der Gardena Sileno Life, der in den Tests keine schweren Verletzungen verursachte –, als wirklich sicher gilt jedoch keines der geprüften Geräte. Hinzu kommt: Die Tests wurden mit einer bestimmten Schnitthöhe durchgeführt. Wird im Alltag tiefer gemäht, steigt die Gefahr insbesondere für Igelbabys weiter an. Für das Igelzentrum ist deshalb klar: Modelle mit hoher Schadenskategorie sollten nur unter Aufsicht betrieben werden. In der Diskussion ums Mähen geht zudem oft ein Punkt vergessen: Fadenmäher sind für Igel noch gefährlicher als Rasenroboter. Besonders unter Büschen ist beim Einsatz solcher Geräte höchste Vorsicht geboten.
Wo die Folgen sichtbar werden
Wie konkret sich diese Risiken auswirken, zeigt sich bei der Igelhilfe Mittelland in Dürrenäsch. Allein im Jahr 2025 wurden dort 615 Igel aufgenommen. Die Gründe sind vielfältig.
«Das ist stark saisonabhängig», sagt Doris Nagl, Co-Leiterin und Präsidentin der Igelhilfe Mittelland. «Im Frühling sehen wir vermehrt Igel mit schweren Verletzungen, die durch Gartenarbeiten verursacht wurden – sei es in Privatgärten, Mietanlagen oder bei kommunalen Pflegeeinsätzen.» Besonders gefährlich seien Fadenmäher, Trimmer oder Vertikutierer. «Mit diesen Geräten werden leider viele Igel schwer verletzt.» Auch das frühe Aufräumen von Gärten könne problematisch sein, etwa wenn Laub entfernt werde, während sich Igel noch im Winterschlaf befinden. Gleichzeitig herrsche im Frühling oft Nahrungsknappheit, was die Situation zusätzlich verschärfe. Zwischen April und August kommen weitere Fälle hinzu: überfahrene Tiere, aber auch verwaiste Igelbabys, deren Mütter verunglückt sind und nicht mehr zur Wurfhöhle zurückkehren können. Im Herbst sind es häufig spätgeborene Jungigel, die zu wenig Gewicht für den Winterschlaf erreicht haben und tagsüber orientierungslos umherirren. Im Winter werden nur noch einzelne, meist schwer kranke oder stark untergewichtige Tiere eingeliefert, die den Winterschlaf nicht antreten konnten.
Bei den Ursachen für die Aufnahme sieht die Igelhilfe trotz intensiver Aufklärungsarbeit keine grundlegende Veränderung. «Nach wie vor werden viele Igel durch menschliche Einflüsse verletzt, besonders durch Gartenarbeiten oder Verkehrsunfälle», sagt Doris Nagl. Was sich jedoch deutlich verändert habe, sei der Allgemeinzustand der Tiere. «Wir beobachten zunehmend schwer erkrankte Igel mit massiven Parasitenbelastungen, Atemproblemen oder starkem Untergewicht.» Diese Tiere benötigten eine intensive medizinische Betreuung und blieben in der Regel deutlich länger in der Station. «Diese Entwicklung weist auf eine zunehmende Belastung der Igelpopulation durch den Rückgang von Nahrung und Lebensraum hin.»
Ob ein Igel wieder ausgewildert werden kann, hängt von mehreren Faktoren ab. Er muss regelmässig fressen, kontinuierlich zunehmen und vollständig behandelt sein. Ideal ist eine Auswilderung am ursprünglichen Fundort, da Igel reviertreu sind. «Wir prüfen jede Auswilderungsstelle sorgfältig», erklärt Nagl. Wichtig seien Zufütterung, sauberes Wasser, ein möglichst naturnaher Garten sowie das Fehlen von stark befahrenen Strassen oder offenen Pools in unmittelbarer Nähe. «Den perfekten Ort gibt es kaum mehr», sagt sie, «aber viele Igelbringer freuen sich, ihren Igel wieder aufnehmen zu dürfen, und passen ihren Garten liebevoll an die Bedürfnisse des Tieres an.»
Auch bei der Zufütterung brauche es Wissen. Die Igelhilfe begrüsse sie ausdrücklich, betont Doris Nagl, «denn sie kann in vielen Fällen überlebenswichtig sein». Geeignet sei hochwertiges Katzentrockenfutter ohne Getreide, mit hohem Fleisch- und Proteingehalt. Von industriell hergestelltem Igelfutter aus dem Handel rät sie ab: «Viele dieser Produkte enthalten Zutaten, die für Igel ungeeignet sind und zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen können.» Helfen könne, wer zufüttere – «aber bitte mit dem richtigen Futter».
Ein Tier als Prüfstein
Der Igel ist mehr als ein Sympathieträger mit Stacheln. Als Tier des Jahres 2026 steht der Stachelritter stellvertretend für eine grundsätzliche Frage: Wie gestalten wir unsere Gärten, unsere Quartiere, unsere Grünräume? Als perfekte Kulisse – oder als Lebensraum?
Vielleicht beginnt Igelschutz nicht mit grossen Programmen, sondern mit Aufmerksamkeit. Mit dem Blick unter Büsche vor dem Mähen. Mit Laub, das liegen bleiben darf. Und mit der Erkenntnis, dass ein Garten nicht nur für Menschen da ist.









