Spuren hinterlassen: Das Lebenswerk einer geehrten Mitbürgerin
Ehrung Sie hat das kulturelle Leben in Lenzburg mitgeprägt: Helene Thürig wurde von der Stadt für ihr Engagement geehrt, das weit über Notenblätter und Kirchenbänke hinausreicht.
Mit 68 Jahren erhielt Helene Thürig vom Lenzburger Stadtrat eine Medaille als Zeichen der Anerkennung ihres Wirkens. Einige Monate vor der Einwohnerratssitzung hatte sich der Stadtschreiber mit der Bitte um ein Treffen gemeldet. «Ich fiel aus allen Wolken», sagt Thürig. Sie habe gedacht, man brauche sie für eine Kommission, eine Auskunft oder eine Expertise – mit einer Ehrung habe sie nicht gerechnet.
Grosser Einsatz, grosse Freude
Organistin, Pianistin und Klavierlehrerin – diese Titel greifen nur einen Teil ihres Wirkens auf. Helene Thürig war auch Präsidentin des Ökumenischen Forums, Mitbegründerin der Kinderkantorei und der Orgelkonzerte, Dirigentin des Seniorenchors, Einwohnerrätin und Mitglied des Kuratoriums. Sie sei nun Trägerin einer Ehrung, keine Ehrenbürgerin, betont sie. Seit der Ehrung wurde sie auf der Strasse vermehrt angesprochen und beglückwünscht. Die Freude darüber ist gross, bleibt aber von Bescheidenheit begleitet. «Es gäbe sicher einige Menschen, die mindestens so viel geleistet haben wie ich», glaubt Thürig. Für Kirche und Musikschule zu arbeiten, habe wenig Prestige. «Es ist nicht, wie mit einem Maserati durch die Stadt zu kurven», sagt sie schmunzelnd. Als Zugezogene sei die Ehrung für sie doppelt schön: «Ich bin zwar seit 1992 hier, doch das ist für mich nun eine Bestätigung, dass die Stadt mich aufgenommen hat.»
Früh begonnen – lange gewirkt
Bereits mit 14 Jahren begann Helene Thürig mit intensivem Orgelunterricht, mit 15 übernahm sie erste Orgelvertretungen. Musik studierte sie aus Liebe zur Orgel, auch wenn sie der Chorleitung rückblickend zusätzliches Gewicht gegeben hätte. 2005 war sie Mitbegründerin des Kinderchors. Zwei Jahre später nutzte sie ein Sabbatical der Kirche zur Vertiefung: Während zweieinhalb Monaten reiste sie durch Skandinavien, besuchte Kinderchöre und protokollierte deren Proben. «Der Kinderchor ist heute eine Erfolgsgeschichte.» Bereits 1993 hatte sie den Seniorenchor übernommen, den sie während 20 Jahren leitete. Nach 22 Jahren an der Stadtkirche Lenzburg wechselte sie für die Orgel nach Wallisellen, wo sie weitere Chorprojekte realisieren konnte. Dort liess sie sich frühpensionieren, unterrichtete jedoch weiterhin an drei Tagen pro Woche Klavier in Lenzburg. Noch diesen Advent spielte sie fast jeden Sonntag als Stellvertreterin an der Orgel.
Die Musikschule Lenzburg bezeichnet sie als etwas Tragendes. Mit einem halben Dutzend Klavierschüler habe sie begonnen, in den knapp 30 Jahren ihres Wirkens seien es stetig mehr geworden. Heute unterrichtet sie keine Kinder mehr. Mit dem Hörgerät falle es ihr schwer, hohe Stimmen zu verstehen – und ohne das Zwischenmenschliche komme Musik bei den Kindern nicht an.
Auch politisch war Helene Thürig aktiv. Fast zehn Jahre sass sie im Einwohnerrat und bewirkte damals den vierten Sitz der EVP, weil man sie in der Stadt kannte. Sie lernte, was es braucht, damit eine Stadt funktioniert. «Etwas Handfestes zu machen, war spannend.» Die engagierte Mitbürgerin erhielt ihre Ehrung für die Summe des Ganzen: ihr Engagement für Kinder, Senioren, Musik, Politik und Freiwilligenarbeit. Auf ihr Leben zurückblickend, staunt sie selbst: «Was ich alles gemacht habe.» Besonders stolz macht Thürig, dass sie ihren Jugendtraum, «von der Musik selbstständig leben zu können», verwirklichen konnte. Ohne ihre Freunde und Vorbilder wäre dies allerdings nicht möglich gewesen. Zueinander zu schauen, empfinde sie auch heute noch als wichtig: «Davon lebt auch die Stadt», sagt Thürig.
Von neuen Herzensprojekten und Visionen
Heute setzt sie die Prioritäten auf ihr Privatleben. Sie spielt zwar noch Klavier im Altersheim und übernimmt Orgelvertretungen, widmet sich aber auch ihrem persönlichen Projekt: Gesangsunterricht nehmen. Ein weiteres Herzensanliegen ist der Hugenottenweg, den sie nun mit einer Freundin bewandern will. Für das Lenzburger Kulturleben hegt die Visionärin einen besonderen Traum: Die katholische Kirche als Zentrum für die Musik von Olivier Messiaen – ein Ort, der, so Thürig, perfekt dafür geeignet wäre.



