Kurs «Wehre dich!» – Selbstverteidigung neu gedacht
Lenzburg Am Samstag fiel in Lenzburg der Startschuss für ein neues Selbstverteidigungsangebot für Mädchen und Frauen. Vier Frauen und zwei Teenagerinnen lernten beim Kurs «Start & Reload», wie man sich im Ernstfall verteidigt: laut, stark und hemmungslos.
Mit dem offenen Training möchte der Initiator und Kampfsportler Claude Hasler einen niederschwelligen Einstieg in das Thema ermöglichen. Der 90-minütige Kurs soll künftig einmal im Monat stattfinden und ist jeweils als abgeschlossene Einheit konzipiert. Hinter dem Angebot steht das von Hasler gegründete Unternehmen «USV-Selbstverteidigung» – wobei USV für «umsichtiges Schutzverhalten» und «uneingeschränkte Selbstverteidigung» steht.
Nicht erstarren – aktiv werden
Claude Hasler spricht zunächst über statistische Hintergründe, Formen von Angriffen sowie wichtige Merksätze. Sein Motto: «Sei kein einfaches Ziel! Setze deine Grenzen klar und deutlich! Wehre dich rücksichtslos und mit allen Mitteln!» Dabei betont er, dass die erste Wahl immer die Flucht sei. Wenn dies jedoch nicht möglich ist, müsse man sich wehren. Ein häufiger Effekt bei Betroffenen ist das sogenannte «Freezing» – ein Erstarren vor Angst. Täter würden oft genau darauf setzen. Wer stattdessen frühzeitig reagiert, könne einen Angreifer überraschen. Ziel seien einfache Bewegungen und Strategien, die auch unter Stress funktionieren.
Mit vollem Körpereinsatz
Im Fokus steht als Erstes die Selbstbehauptung. Eine selbstbewusste Haltung, klare, laute Worte und erhobene Hände als Signal, um deutlich zu machen: «Das will ich nicht.» Und genau das hört man. «Stopp», «Geh weg», und weniger nette Worte hallen durch den Raum. Anschliessend zeigt Hasler verschiedene Abwehrtechniken für den Ernstfall. Darunter der Hammerschlag – ein seitlicher Schlag mit der Faust – sowie gezielte Tritte in den Intimbereich des Mannes. Die Frauen bilden Zweiergruppen, das «Zielobjekt» wird mit Schutzhandschuhen ausgerüstet. Zum Schluss wird es ernst: Für ein realitätsnahes Angriffsszenario schlüpft Hasler selbst in einen Vollschutzanzug. Die Teilnehmerinnen können zwischen drei Intensitätsstufen wählen – von einem schnellen Rückzug des Angreifers bis hin zu aktivem Gegenhalten. Die Frauen entscheiden sich für die höchste Stufe, die Teenagerinnen für die zweithöchste. Zu Beginn des Kurses wirkten viele noch vorsichtig. Doch nun ist die Hemmschwelle verschwunden: Die Teilnehmerinnen schlagen, schreien und setzen den «Angreifer» ausser Gefecht. Die Rückmeldungen nach dem Training fallen positiv aus – die Frauen zeigen sich überrascht von ihrer eigenen Stärke.
Aktion statt Reaktion: «Gewalt trainieren»
Für Hasler steht hinter dem Angebot eine klare Idee: ein einfach zugängliches Training, das ohne weitere Verpflichtungen besucht werden kann. Es gehe nicht darum, eine komplexe Kampfsportart zu erlernen, sondern um einfache, effektive Techniken – und um mentale Vorbereitung. Ein zentraler Bestandteil sei die Kopfarbeit: Selbstbewusstsein stärken, die eigene Intuition ernst nehmen und bereit sein, Grenzen zu setzen. «Du hast das Recht, Nein zu sagen – das Einzige, was es braucht, ist dein Bauchgefühl.» Hasler betont: «Beim Sich-Wehren kann man nichts falsch machen.» Wichtig sei: Aktion statt Reaktion. «Wenn ihr wartet, bis es zum Angriff kommt, ist es zu spät – ihr müsst die Ersten sein.» Die Umgebung aufmerksam wahrzunehmen, spiele dabei eine grosse Rolle. Im Ernstfall können selbst Alltagsgegenstände wie Kugelschreiber, Schlüssel oder Handy als «Waffen» dienen. Seine Devise: Mit den Teilnehmerinnen Gewalt trainieren, damit sie selbst keine erleben müssen.
Persönliche Herzensangelegenheit
Der Oberstufenlehrer sieht Prävention als zentrale Aufgabe. An der Schule führt Hasler deshalb jährliche Selbstverteidigungseinheiten für die Mädchen der siebten Klasse durch. Selbstbehauptung sei bereits auf dem Schulhof ein grosses Thema. In seinem Kurs vermittelt er dieses Wissen ab dem ungefähren Alter von zwölf Jahren, weil das die Grenze sei, um die Hintergründe von Übergriffen konkret verstehen zu können. Die jüngste Teilnehmerin an diesem ersten Kurstag ist elf Jahre alt.
Das neue Projekt liegt ihm persönlich sehr am Herzen. «Als Vater einer Tochter möchte ich mir nie vorstellen müssen, dass ihr so etwas passiert», erklärt er. «Wenn nur eine Teilnehmerin durch diese Übungen etwas Schlimmes verhindern kann, hat sich das Ganze bereits gelohnt.»









