«Jede geweinte Träne ist eine Liebeserklärung»
Seon Im Tierkrematorium Seon sprüht es nur so von Emotionen. Zwischen Urnen, Erinnerungen und Tränen zeigt sich, wie unterschiedlich Menschen mit Verlust umgehen.
Es ist Montagmorgen. Im Wartezimmer herrscht bereits reger Betrieb. Einige Personen bringen ihre verstorbenen Tiere, andere kommen, um die Urne abzuholen. Am Morgen weiss das Team noch nicht, was der Tag bringen wird. «Jeder Tag ist ein Geheimnis», erklärt Esther Sager, Mitglied der Geschäftsleitung. Die sogenannten Annahmetermine werden kurzfristig telefonisch vereinbart, sobald ein Tier zu Hause oder beim Tierarzt verstorben ist. Deshalb ist das Team an 365 Tagen im Einsatz und nimmt auch am Wochenende verstorbene Tiere entgegen. In einem liebevoll eingerichteten Raum werden die Tierbesitzerinnen und Tierbesitzer von geschulten Mitarbeitenden betreut. Rund eine halbe Stunde lang darf erzählt, geweint und gelacht werden. Alle Emotionen haben Platz. Sager hat schon vieles erlebt: von absoluter Stille über Wut auf die Person, die einem die Katze überfahren hat, bis hin zu Verlegenheit über die vergossenen Tränen.
Schambehaftetes Tabuthema
Esther Sager erzählt von einem Geschäftsmann, der kurz vor einem wichtigen Termin in Anzug und Krawatte mit seinem verstorbenen Zwerghamster vor ihr sass und weinte. Die starken Emotionen seien für ihn rational nicht erklärbar gewesen. Er habe sich gefragt, was andere wohl von ihm denken würden, wenn sie ihn wegen eines «winzigen Kerls» weinen sähen. Denn die Trauer um Haustiere sei noch immer stark schambehaftet und stosse oft auf Unverständnis. Sager beobachtet: je kleiner das Tier, um das getrauert wird, desto grösser der Drang, sich für die eigenen Emotionen zu entschuldigen. Doch sie ist überzeugt: «Jede geweinte Träne ist eine Liebeserklärung.» Diesen Satz liess sie sogar auf Taschentücher drucken, die sie den Tierbesitzern jeweils mitgibt. «Ich bin mir der Vergänglichkeit täglich bewusst», sagt Esther Sager, die mit dem Thema Tod keine Berührungsängste mehr hat. Für viele Menschen jedoch handle es sich noch immer um ein Tabuthema.
Mehr als nur kremieren
Pro Tag werden in Seon zwischen drei und zwanzig Tiere angenommen. Esther Sager betont, dass die Arbeit sorgfältig und liebevoll erledigt wird – und dass sich das Team der gegebenen Verantwortung jederzeit bewusst ist. Wie viele Arbeitsschritte hinter dem Prozess stecken, sei allerdings vielen Menschen nicht klar.
Die meisten Tiere werden vom Fahrdienst des Tierkrematoriums Schweiz direkt bei den Tierärzten abgeholt – oft noch am selben Tag. Nur rund zehn Prozent der Tierbesitzer bringen ihr Tier selbst vorbei. Kommen sie persönlich, wird zunächst gemeinsam das Auftragsformular ausgefüllt. Anschliessend entsteht ein Pfotenabdruck als kleines Geschenk: «Damit die Tierbesitzer nicht mit leeren Händen nach Hause gehen müssen.» Danach wird dem Tier eine Identifikationsnummer angelegt – «das Heiligtum innerhalb des Prozesses». So kann das Tier jederzeit eindeutig zugeordnet werden. Im Betriebsbereich wird das Tier gewogen und in einem Körbchen in den Kühlraum gelegt. Zu gegebener Zeit wird es dann in einem der Grösse entsprechenden Ofen zusammen mit dem ID-Chip kremiert. Nach ein bis drei Stunden werden die verbliebenen Knochenstücke aus dem Ofen geholt und in einem Mahlwerk zu Asche verarbeitet. Die gemahlene Asche sowie der ID-Chip werden anschliessend in die gewünschte Urne abgefüllt. Diese gibt es aus Ton, Stein, Holz, Karton oder Stoff sowie in Form von Schmuckstücken. In einem weiteren Schritt kommen die Urnen in den «Päckliraum» und werden zusammen mit der Rechnung, einer Karte und einem kleinen Geschenk für die Abholung oder den eingeschriebenen Postversand vorbereitet.
Rund ein Drittel der Tierbesitzer entscheidet sich für eine Sammelkremation. Dabei werden mehrere Tiere gemeinsam kremiert und ihre Asche im Gemeinschaftsgrab hinter dem Gebäude beigesetzt. Für Esther Sager ist dies «einer der emotionalsten Orte des Krematoriums», da er mit persönlichen Fotos und Briefen geschmückt ist.
Tierkonto als finanzielle Absicherung
Die Preise der Kremation richten sich nach dem Gewicht des Tieres. Finanziell empfiehlt Esther Sager Tierbesitzern, ein separates Tierkonto anzulegen. Schliesslich wisse man nie, welche Kosten für Tierarztbesuche oder Medikamente anfallen – und der Tod kommt unweigerlich.
Sinnstiftende Arbeit – mit dem Herzen dabei
Kremiert werden vorwiegend Nagetiere, Hunde und Katzen. Aber auch ein Axolotl, Alpakas, Ziegen, Schafe und Ponys – sowie einmal ein Bär und ein Löwe wurden in Seon verabschiedet. Ein Mitarbeiter, der für die Kremationen zuständig ist, erzählt mit Gänsehaut an den Armen, dass ihn die Arbeit nicht kaltlässt. Wenn er einen Chihuahua kremiere, stimme ihn das manchmal traurig, weil er selbst einen habe. Seine zwei verstorbenen Haustiere hat er selbst eingeäschert. Zuvor besuchte er sie während einiger Tage regelmässig im Kühlraum. Sensibel zu sein, sei in diesem Beruf nichts Schlechtes. Das Team arbeite mit Herz – und genau das mache es aus. Seit Esther Sager vor 25 Jahren im Tierkrematorium Seon begonnen hat, wurden aus drei Mitarbeitenden fünfzig – und aus einem Ofen drei. Die Mitarbeitenden kommen aus den unterschiedlichsten Berufen. Wichtig sei, dass man Tiere liebe – vor allem aber Menschen. Die Motivation hinter dieser Arbeit sei der Wunsch, etwas Sinnstiftendes zu tun. «Man gibt viel hinein, bekommt aber auch sehr viel zurück», sagt Sager und hebt die grosse Dankbarkeit hervor, die ihnen tagtäglich von den Tierbesitzerinnen und Tierbesitzern entgegengebracht wird.







