Der Bezirk bekommt eine weitere Nationalrätin: Barbara Portmann-Müller
Lenzburg Auf den 31. Mai wird GLP-Nationalrat Beat Flach sein Mandat in Bern niederlegen. Mit der Lenzburger Stadträtin Barbara Portmann-Müller rückt eine Frau aus dem Bezirk Lenzburg nach.

Von 2009 bis 2022 war sie im Grossen Rat – über sieben Jahre davon als Fraktionspräsidentin. Seit 2022 ist sie Stadträtin in Lenzburg. Nun geht die Reise weiter in den Nationalrat: Barbara Portmann-Müller wird ab 1. Juni Nationalrätin der GLP-Fraktion sein und Einsitz in die Rechtskommission nehmen. Wie sich die Reise anfühlt, welche Themen sie beschäftigen und warum es ihr wichtig ist, weiterhin für die Bürgerinnen und Bürger nahbar zu sein, erklärt sie im Interview.
Barbara, du rückst in den Nationalrat nach. Kam das überraschend oder zeichnete sich Beat Flachs Demission ab?
Der Umstand zeichnete sich während der letzten Monate ab und konkretisierte sich Ende Jahr. Es war letztlich ein persönlicher Entscheid von Beat und schlussendlich auch von mir.
Hast du mit dem Entscheid gezögert?
Nein. Wäre der Zeitpunkt während der Stadtpräsidiumswahlen gewesen, wäre es für mich schwieriger gewesen. Doch seither ist genug Zeit verstrichen, worin ich mich neu ausrichten konnte. Der Wechsel nach Bern ist wohl eine «Once in a lifetime»-Chance. Die musste ich ergreifen.
Wärst du Frau Stadtammann geworden, wären beide Ämter gleichzeitig wohl nicht möglich gewesen. Wofür hättest du dich entschieden?
Ich habe mich klar zur Stadt Lenzburg bekannt und hätte mich für das Amt der Frau Stadtammann entschieden.
Job in Zürich, Stadträtin in Lenzburg und nun noch Nationalratin – wie sieht diese Neuausrichtung aus? Wird das nicht ein wenig viel?
Den Job in der Baudirektion des Kantons Zürich habe ich auf Ende Juli gekündigt. Es war mir wichtig, dass wir eine gute Nachfolgelösung finden, und das haben wir geschafft. Zusätzlich habe ich mit Linda Villiger als Leiterin der Regionalschule mehr Entlastung erhalten. Durch diese beiden Massnahmen bin ich überzeugt, dass ich die Arbeit beider Ämter aneinander vorbeibringe oder auch Brücken schlagen kann. Es wird streng. Das ist klar. Aber jetzt muss ich erst einmal anfangen.
Welche Auswirkungen hat die Nationalratstätigkeit auf den Stadtrat?
Es gibt sicher indirekte Einflüsse. Während der Sessionen bin ich in Bern und nicht in Lenzburg. Das wird sich auf die Stadtratssitzungen auswirken. Es gibt heute zum Glück die Möglichkeit digitaler Lösungen. Trotzdem darf man den Aufwand nicht unterschätzen. Als kleine Fraktion verteilt sich die Kommissionsarbeit auf wenigen Schultern. Man kann sich nicht in der Masse verstecken. Bei mir wird es die Rechtskommission sein, die viel Arbeit mit sich bringt. Ich werde mein Bestes versuchen, beiden Ämter vollumfänglich gerecht werden zu können.
Welche Reaktionen kamen von deinen Ratskollegen im Rathaus?
Ich habe viel Wohlwollen und Freude verspürt. Dass Lenzburg auf nationaler Ebene vertreten ist, bringt für alle Vorteile. Der Stadtrat ist damit bestens vernetzt: Zwei Stadträte sind im Grossen Rat, Christine Bachmann-Roth ist als Mitte-Frauen-Präsidentin ebenfalls auf Bundesebene aktiv.
Wie viel Lenzburg trägst du nach Bern und wie viel Bern vermutest du, nach Lenzburg zu bringen?
Das Reizvolle an der Aufgabe ist es mitzuerleben, wie sich nationale Gesetze direkt auf die Gemeinden auswirken. Dabei will ich es mir zur Aufgabe machen, gegenseitiges Verständnis zwischen Bund und Gemeinden herzustellen. Die Lenzburger Stadtinteressen werden im Parlamentsbetrieb wohl nicht viel Platz einnehmen. Auf kantonaler Ebene bringe ich breite Kenntnisse mit. Ich kann mir vorstellen, dass das entstehende Netzwerk in Bern bei konkreten Projekten helfen könnte. So beispielsweise beim Bahnhof. Man kommt auf unkompliziertere Art mit den richtigen Personen in Kontakt.
Ein prominent geäusserter Vorwurf ist, dass sich die Bundespolitik immer mehr von der Realität der Bürgerinnen und Bürger distanziert. Wäre deine Bürgernähe nicht auch eine Stärke für dein politisches Handeln?
Auf jeden Fall. Zudem habe ich grundsätzlich nicht den Hang zum Elitarismus. Und wenn ich plötzlich abheben würde, schaut mein Umfeld dann schon, dass ich wieder auf den Boden zurückkomme.
Wie sieht es konkret mit dem Erhalt der Bürgernähe aus?
Weiterhin möchte ich, dass die Menschen mit ihren Anliegen zu mir kommen. Ich bin hier und bleibe es auch.
Es gibt die Stadträtin und die Nationalrätin Barbara Portmann-Müller, aber auch Barbara als Person. Wie wirst du abschalten und welche Rolle spielt dein Umfeld?
Ich geniesse die Zeit im Garten und gehe auch mal in die Ferien. Das wird weiterhin der Fall sein. Das Besuchen der vielen Anlässe, die bereits von Amtes wegen zu meiner Arbeit gehören, gibt mir ebenfalls viel Energie zurück. Familie und Freunde helfen mir dabei, abschalten zu können.
Wie wurde denn bei dir zu Hause gefeiert, nachdem das alles offiziell wurde?
Das Ganze floss häppchenweise in mein Umfeld. Deswegen gab es kein Riesenfest. Sicher aber haben wir im kleinen Kreis darauf angestossen. Ich plane eine kleine Feier mit Familie und Freunden kurz vor dem Start in Bern.
Es muss unheimlich anstrengend sein, solche News für sich zu behalten.
Ja. Das ist es. Aber es gehört dazu. Und ich bin ja schon lange in der Politik tätig. Ich habe Bezugspersonen, die im Vorfeld darüber informiert waren. Und auch auf meiner Arbeit habe ich früh genug die Kündigung eingegeben.
Kommen wir auf Bern zu sprechen: Als Nachrückerin eines langjährigen Nationalrats wird es hohe Erwartungshaltungen an dich geben. Spürst du schon etwas davon?
Schon. Wir hatten seither aber noch keine Parteiveranstaltungen. Doch es ist mir bewusst, dass die Erwartungen auch parteiintern an mich hoch sind. Es wird anspruchsvoll und ich versuche, Vollgas zu geben. Ziel ist es, in den nächsten Wahlen die bestehenden zwei Sitze zu halten. Da bin ich mitverantwortlich. Diese Erwartungshaltung an mich ist aber auch gerecht. Ich und die Partei müssen präsent sein.
Jetzt kommst du ohne Wahlkampagne nach Bern. Musst du dir diese Rolle als Nationalrätin erst noch «erarbeiten»?
Die Kampagne bei den letzten Wahlen war auch meinerseits aufwendig. Ich bin schon lange in der Partei und war lange auf kantonaler Ebene sehr aktiv. Ebenfalls waren die Reaktionen schön. Viele Wählerinnen und Wähler und auch Parteimitglieder freuen sich für mich. Es fühlt sich nicht so an, als würde ich von null aus starten. Nichtsdestotrotz: Die Erwartungen sind hoch. Ein Druck ist da. Aber nicht primär, weil ich mich noch parteiintern etablieren müsste.
Vergleicht man deine und Beats Politik, unterscheidet ihr euch in gewissen Punkten. Nirgends aber stark. Welche Akzente möchtest du setzen und wo würdest du sagen, unterscheidet ihr euch?
Ich empfinde Beat und mich beide als pragmatisch und von sehr ähnlichen Haltungen geprägt. Wir sind sehr interessiert an Umwelt- und Raumplanungsthemen. Das deckt sich mit der Haltung der GLP. Beat war insbesondere bei Sicherheitsthemen sehr präsent. Ich bringe dagegen viel Erfahrung im Vollzug von Gesetzen auf kantonaler und kommunaler Ebene mit. Vollzugstaugliche Gesetze sind mir sehr wichtig. Ich glaube, fundamentale Unterschiede werden kaum spürbar sein.
Ist es noch zu früh, sich auf ein bestimmtes Dossier zu freuen, oder hast du schon einen Favoriten?
Ich muss mich erst einlesen. Sicher aber gibt es Themen, die mich stark interessieren. Auch durch meine ehemalige Arbeit beim Kanton. Die neue Regionalpolitik oder das Bodenrecht liegen mir nahe. Ebenfalls freue ich mich auf die Bildungsthemen. Und ich freue mich auf für mich neue Themenfelder wie die Aussenpolitik.
Kannst du dich bereits in diese Dossiers einlesen oder gibt das den Wurf ins kalte Wasser im Sommer?
Bevor ich Zugriff auf die Unterlagen bekomme, musste mich der Kanton Aargau offiziell bei den Parlamentsdiensten melden. Dies ist kurz vor Ostern erfolgt. Der Zugriff auf die Systeme und Dossiers folgt. Und mit Beat plane ich eine sorgfältige Übergabe. Auch nach erfolgtem Einlesen wird es ein Sprung ins kalte Wasser, auf den ich mich allerdings sehr freue.
Im Grossen Rat galtst du als dossierstark. Die Dossiers im Nationalrat sollen noch um einen Zacken umfangreicher sein. Wie sind dabei die Ansprüche von dir selbst an dich?
Ich kann zum Glück sehr schnell lesen und den Stoff auch aufnehmen. Weiterhin will ich diesen Anspruch an mich behalten. Ehrlicherweise aber nicht schon für die erste Session. Als Erstes muss ich mich organisieren und die laufenden Geschäfte sauber übernehmen.
Gibt es nationalratsgebundene Mandate, denen du schon zugesagt hast?
Nein. Ich will erst ankommen. Ich kann aber bereits bestätigen, dass ich im gegenseitigen Interesse nicht im FC Nationalrat spielen werde. Unsere Fraktionspräsidentin Corina Gredig ist Captain. Ich erklärte ihr, dass ich mich eher zum Fan eigne.
Wie immer hat der Gast das letzte Wort.
Es erscheint mir erwähnenswert, dass wir mit Maja Bally eine weitere Nationalrätin aus dem Bezirk in Bern haben, zudem mit Maja Riniker und Irène Kälin noch zwei ehemalige Lenzburgerinnen. Ich finde es spannend, dass unsere Region so viele Politikerinnen in verschiedenen Parteien hervorgebracht hat und von einem starken «Frauennetzwerk» vertreten wird. Lenzburg macht Lust auf Politik, was ich auch als Stadträtin und Fan unserer Demokratie wunderbar finde.



