Von der Prozession zur Parodie
Brauchtum Der Joggeliumzug, die älteste Tradition im Städtchen, wird von den Lenzburger Schützen seit 554 Jahren getreulich zelebriert.

Just neu justiert, schlägt das Rathausglöckchen die Geisterstunde noch zur Sommerzeit. Der runde Mond versteckt sich hinter den Wolken und zieht den Nebelvorhang. Im Nachtschatten schleichen weiss vermummte Gestalten vom Hinterhof des «Ochsens» in die verdunkelten Gassen. Der Joggeliumzug bricht auf zur Prozession.
Allerdings haben sich im Laufe der Jahrhunderte die Rahmenbedingungen verändert. Galt der «Chrüzgang» der gemeinnützigen Bruderschaft einst dem Heiligen St. Wolfgang zu seinem Altar auf dem Staufberg, mutierte die Prozession nach der Reformation mählich zur Parodie. Die Entschlüsselung von Litanei und Versen führt zum Kern des weitherum einmaligen Lenzburger Brauches. Tatsache ist, dass anno 1525 gegen die Kirchensteuern revoltiert, der Altar verscheitet und die Bruderschaft bald aufgelöst wurde.
Was blieb, ist das Absenden der Schützen nach der Saison, wo in froher Runde getafelt, getrunken und geredet wird und Preise verteilt werden. So auch am letzten goldenen Herbstabend. Präsidentin Madeleine Cathé- rine Baumann eröffnete die Versammlung mit einer vaterländischen Geschichtslektion, die Hosenmannen (heuer wie einst unter sich) schilderten launig vom Stuhl, wie sie zum Stoff kamen, Vater und Tochter Glarner die dramatischen Pistolen-Duelle en famille, die höchste Lenzburgerin, Einwohnerratspräsidentin Brigitte Vogel, lobte die Kameraden für die Integration von Neuzuzügern wie sie.
In Leintücher verpackt
Zur vorgerückten Stunde formierten sich rund 50 in Leintücher verpackte Mitläufer hinter dem Rädelsführer mit weit schwingender Laterne, es folgen der Fahnenschwinger, die Schellenbuben, die Vorsänger und der Tross mit schlurfenden Schritten schwankend auf dem Stadtrundgang: «Hudi hudi ha Halleluja!» tönts traurig-schaurig durch die Gassen. Nachtschwärmer geniessen Grusel und Gänsehaut. Solange es noch Schützen gibt, Leintücher, Hotschgufen und Stoffservietten, wird der Brauch weiterleben, ist Stadtrat Martin Steinmann zuversichtlich und kündigt für nächstes Jahr den 555. «Joggeli» an. Halleluja!



