Sicherheit beginnt vor dereigenen Haustür

Bundesfeier Rund 300 Personen strömten trotz anhaltender Hitzewelle zur Bundesfeier aufs Schloss Lenzburg. Nach einem ökumenischen Gottesdienst rückten Stadtpräsident Andreas Schmid und NZZ-Bundeshausredaktorin Selina Berner in ihren Ansprachen ein Thema ins Zentrum, das oft erst auffällt, wenn es fehlt: die Sicherheit.

Stadtpräsident Andreas Schmid, Festrednerin Selina Berner, Pfarrerin Marie-Madeleine Minder und Pfarrer Roland Häfliger gestalteten die Bundesfeier auf Schloss Lenzburg. Foto: Romi Schmid
Stadtpräsident Andreas Schmid, Festrednerin Selina Berner, Pfarrerin Marie-Madeleine Minder und Pfarrer Roland Häfliger gestalteten die Bundesfeier auf Schloss Lenzburg. Foto: Romi Schmid

Die Hitze lag bereits am Morgen schwer über dem Schloss. Dennoch füllten sich die Sitzreihen auf der Südbastion rasch. Schliesslich mussten zusätzliche Stühle herbeigetragen werden: Rund 300 Personen wollten die Bundesfeier hoch über Lenzburg mitverfolgen.

Eröffnet wurde der Anlass mit einem ökumenischen Gottesdienst. Pfarrerin Marie-Madeleine Minder führte durch die Liturgie, Pfarrer Roland Häfliger hielt die Predigt. Für die musikalische Umrahmung sorgte die Brass Band Imperial Lenzburg.

Sicherheit nicht selbstverständlich

In seinen Gedanken zum Nationalfeiertag fragte Stadtpräsident Andreas Schmid zunächst danach, was Heimat für jeden einzelnen bedeute. Für manche sei es das Elternhaus, für andere ein vertrauter Blick, ein Dialekt, ein Geruch oder der Weg durch die Altstadt. Heimat lasse sich nicht in einem einzigen Satz fassen, sondern sei so vielfältig wie die Menschen selbst.

Stolz sei er jedoch nicht in erster Linie auf Berge und Postkartenlandschaften, sagte Schmid. Vielmehr sei er stolz auf die Sicherheit im Land: darauf, dass Kinder alleine zur Schule gehen könnten, dass man sich auf Polizei, Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen verlassen könne und dass Menschen Hilfe erhielten, wenn sie diese benötigten.

Gerade weil Sicherheit im Alltag meist selbstverständlich erscheine, werde ihr Wert häufig erst bewusst, wenn sie bedroht sei. Mit Blick auf den Krieg in Europa, die Konflikte im Nahen Osten, Cyberangriffe und mögliche Attacken auf die Strom- und Wasserversorgung warnte Schmid davor, sich in falscher Sicherheit zu wiegen.

Gleichzeitig betonte er, Sicherheit entstehe nicht nur in Bern oder auf internationaler Ebene. Sie beginne vor der eigenen Haustür: mit einer funktionierenden Infrastruktur, verlässlichen Institutionen und einer Gemeinschaft, die zusammenhalte. Als Beispiele nannte Schmid die zahlreichen Anlässe, Vereine und freiwillig Engagierten in Lenzburg. Ob am Jugendfest, in der Sporthalle oder an einem Festival: Wo Menschen zusammenkämen, miteinander sprächen und Gemeinsamkeiten entdeckten, wachse auch die Widerstandskraft einer Gesellschaft.

Eine Gemeinschaft, die sich kenne und füreinander einstehe, sei eine der wirksamsten Sicherheitsvorkehrungen überhaupt. Fachleute sprächen dabei von Resilienz. Er selbst nenne es schlicht das Glück, in einer Stadt mit einem starken Vereinsleben und unzähligen Freiwilligen zuhause zu sein.

Deutliche Worte fand der Stadtpräsident zur Ausrüstung der Schweizer Armee. Angesichts der veränderten Bedrohungslage dürfe deren Stärkung nicht immer wieder verschoben werden. Bei der Armee gehe es nicht um anonyme Zahlen in einem Budget, sondern um Menschen aus der eigenen Nachbarschaft, aus Familien und Betrieben.

Wer von ihnen verlange, im Ernstfall ihr Leben für die Sicherheit des Landes einzusetzen, schulde ihnen auch die bestmögliche Ausrüstung, sagte Schmid. Alles andere sei nicht zu verantworten.

Wie persönlich ihn dieses Thema beschäftigt, zeigte Schmid anhand eines Erlebnisses vom 16. März 2020. Während der Bundesrat den Corona-Lockdown verkündete, erhielt er den Befehl zum Einrücken.Kurze Zeit später habe er als Offizier vor rund 400 Angehörigen der Armee gestanden. Niemand habe damals genau gewusst, was auf sie zukommen werde. Gleichzeitig hätten sie ihre Familien zuhause in Sicherheit gewusst und seien für ihre Aufgabe vorbereitet gewesen.

Die Vorstellung, eines Tages erneut vor solchen Menschen zu stehen, während deren Familien nicht sicher seien und zugleich die notwendige Ausrüstung fehle, mache ihn nachdenklich und emotional. Gerade deshalb müsse offen über Sicherheit und Sicherheitspolitik gesprochen werden

«Die Schweiz ist keine Insel»

Diesen Gedanken nahm Festrednerin Selina Berner auf. Die NZZ-Bundeshausredaktorin für Sicherheitspolitik stammt aus der Region Lenzburg und hielt auf dem Schloss ihre erste Ansprache zum Nationalfeiertag. Frieden sei nicht selbstverständlich, sagte Berner. Europa sei so bedroht wie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr. Die verbreitete Vorstellung, die Schweiz sei ein Sonderfall und werde von den Entwicklungen rundherum nicht berührt, bezeichnete sie als gefährlichen Irrtum.

Den Bogen zu ihrer Heimat schlug Berner mit persönlichen Kindheitserinnerungen und dem Blick auf Schloss Lenzburg. Als Kind habe sie die Burg nie mit Konflikten oder Krieg verbunden. Für sie sei das Schloss vor allem ein Museum gewesen. Dies passe zum schweizerischen Selbstverständnis: Krieg gehöre ins Museum. Mit viel Humor verband sie die grossen sicherheitspolitischen Fragen mit dem Lenzburger Jugendfest und dem Freischarenmanöver. Dabei empfahl sie den Freischaren augenzwinkernd tiefgreifende Reformen – bis hin zu einem Alkoholverbot am Vorabend der Schlacht, um deren Kampfkraft zu steigern.

Hinter den humorvollen Seitenhieben stand jedoch eine ernsthafte Botschaft. Das Freischarenmanöver zeige eine besondere schweizerische Fähigkeit: Nach dem inszenierten Kampf sässen die vermeintlichen Gegner wieder gemeinsam auf den Festbänken. Am Ende stehe nicht der Sieg über die andere Seite, sondern das friedliche Zusammenleben.

Freiheit braucht Einsatz

Die Schweiz sei über Jahrhunderte von Konflikten geprägt gewesen, habe es aber geschafft, Gegensätze zu überwinden und eine direkte Demokratie aufzubauen, in der unterschiedliche Meinungen ausgehandelt würden. Dieses System sei weltweit aussergewöhnlich. Freiheit verlange jedoch Einsatz, betonte Berner. Die Schweiz müsse nicht nur im Innern demokratisch und verlässlich bleiben, sondern auch nach aussen zeigen, dass sie eine wertvolle Partnerin sei und ihre Unabhängigkeit verteidigen könne. Kritisch äusserte auch sie sich zum Zustand der Armee. Nach Jahrzehnten der Friedensdividende könne nur ein kleiner Teil der Soldaten vollständig ausgerüstet werden. Gegen moderne Bedrohungen wie Drohnen oder Raketen seien die Möglichkeiten ungenügend. Dies sei eines der reichsten Länder der Welt nicht würdig.

Die Schweiz sei keine Insel, sondern ein hochvernetztes Land mitten in Europa, sagte Berner. Wichtige Verkehrsachsen führten durch das Land, bedeutende Finanzinstitute seien hier angesiedelt. Auch die Zugehörigkeit zu einer westlichen, demokratischen Wertegemeinschaft mache die Schweiz sichtbar – und angreifbar. Zum Schluss erinnerte Berner daran, dass die Schweiz das Werk vieler Generationen sei, die Zeit, Kraft und Beharrlichkeit investiert hätten. Das Land sei eine Erfolgsgeschichte – und sei es wert, dass die Bevölkerung täglich dafür einstehe.

Dass auch radikale Forderungen geäussert, diskutiert und schliesslich demokratisch entschieden werden könnten, zeichne die Schweiz aus. Entscheidend sei, dass man nach einer Abstimmung wieder zusammensitze und das Ergebnis akzeptiere.

Die Ansprachen trafen beim Publikum auf viel Zustimmung und sorgten immer wieder auch für heitere Momente. Anschliessend ging die Feier auf dem Schloss bei Speis und Trank in den geselligen Teil über. Die anhaltende Hitze konnte weder den Grossandrang noch die gute Stimmung bremsen.

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