Plädoyer für mehr Mut zum Chaos
Mit ihrer intermedialen Live- Lesung «Weltatlas – ein verlorener Gedanke» im Müllerhaus zeigen Silja Dietiker und Sibylle Ciarloni am nächsten Dienstag, warum es sich lohnt, das Chaos zuzulassen.

Auf dem Weg zu einer neuen Werteordnung kracht es an allen Ecken und Kanten. Kriege und Krisen verändern die sozialen und politischen Lebenswelten vieler Menschen weltweit.
Woran sich also halten, wenn morgen nicht mehr gilt, was heute noch Beständigkeit suggerierte? Wohin sich flüchten, wenn die Welt aus den Fugen gerät? Diese und andere Fragen durchziehen die Arbeit der beiden Aargauer Künstlerinnen wie ein roter Faden.
Die in Lenzburg aufgewachsene Schriftstellerin Sibylle Ciarloni versucht in ihrer Erzählung «Weltatlas», den Blick nach vorne zu richten, setzt die Antithesis zum allgemeinen Unbehagen aktueller geopolitischer Entwicklungen und macht Mut, Veränderungen mit Neugier zu begegnen.
«Weltatlas» ist ein gelesenes Stück über das Aufräumen von Dingen die Welt betreffend. Es erzählt die Geschichte von den Umwegen eines «Atlaskindes», das sich auf Sinnsuche begibt, das losgelöst von selbst aufoktroyierten Ordnungszwängen durch ein imaginiertes Weltalbum reist, dabei eine Welt entdeckt, die voller Überraschungen steckt, Menschen begegnet und nur durch Offenheit innere und äussere Grenzen überwindet.
Intermediale Umsetzung
Die Handlung erfolgt auf drei Ebenen. Bei der Umsetzung kommen verschiedene Medien zum Einsatz. Die durch Ciarlonis Stimme gelesene Erzählung schafft zunächst einzelne, chaotisch im Raum schwebende Sprachbilder, die in Form von Stimmperformance, eingespielten Videosequenzen und live hergestellten Geräuschen miteinander vermengt werden und sich im Laufe der rund 70-minütigen Performance zu einem grossen Gesamtbild verdichten.
Die Zuhörer werden dabei Zeuge dieser prozesshaften Verdichtung und zugleich aktiv mit in die Geschichte involviert.
Geschichte und Kultur sind für Ciarloni vor allem veränderlich. «Die Welt ist nicht in Ordnung zu bringen, denn Geschichte passiert. In Zeiten des Umbruchs braucht es Vertrauen, dass die Dinge sich fügen», meint Ciarloni, die als schweizerisch-italienische Doppelbürgerin schon früh über den Tellerrand blickte.
Ihre Erzählung wird dabei zum Gleichnis für die Geschichten all derjenigen Suchenden, die sich im Weltchaos zu verlieren fürchten und dabei scheitern am Versuch, die alte Ordnung aufrechtzuerhalten. Sie ist auch das Plädoyer einer Weltbürgerin, sich aus der Enge des kulturellen Korsetts zu befreien, beweglich zu bleiben und auch schon mal vom Regieplan abzuweichen.
Warum also nicht einfach mal Broccoli ins Fondue tauchen? Das könnte doch auch passen.
Mit «Weltatlas» bieten Silja Dietiker und Sibylle Ciarloni allen Sinnsuchern anregenden Treibstoff und garantieren nicht zuletzt durch ihre fantasievoll gestaltete Live-Performance einen unterhaltsamen Abend.



