Mehr als nur «Der? Die? oder Das?»
Seit mehr als einem Jahr lernen Asylsuchende im reformierten Kirchgemeindehaus in Lenzburg dank dem beherzten Einsatz von Freiwilligen Deutsch. Die Teilnehmerzahlen zeigen: Das Angebot kommt gut an und wird geschätzt.

Woher kommt das Ei?», fragt Vorstufe-2-Lehrperson Erich Lüthi in die Runde. Nach einem Moment der Stille tönt eine Antwort: «Aus der Migros», gefolgt vom Lachen der sechs Kursteilnehmer. Nach einem Exkurs zum Hahn mit einem verhaltenen «Kikerikii» erhält Lehrperson Lüthi schliesslich die richtige Antwort. Nun wissen die hauptsächlich aus Tibet und Afghanistan stammenden Deutschschüler auch, wie der männliche Part des Huhns heisst. Lehrperson Lüthi führt seine Schützlinge mit Bildern und Worten gekonnt vom Ei über das Huhn bis zur grossen Frage, die die sechs Kursteilnehmer im Laufe des Kurses immer wieder beschäftigen wird: «Der? Die? oder eben Das?» Keine einfache Frage für Deutschlernende, wie sich bei einem Kursbesuch herausstellt.
Im Mai 2016 startete der Kurs «Deutsch für Flüchtlinge» unter dem Patronat Netzwerk Asyl im reformierten Kirchgemeindehaus Lenzburg mit 25 Anmeldungen, 3 Unterrichtenden und 6 Wochenstunden. Heute zählt das Angebot ganze 70 Teilnehmende, vom Anfänger bis zum Fortgeschrittenen, 7 ehrenamtlich Unterrichtende und 11 Wochenstunden. Die Teilnehmerzahlen zeigten klar, dass ein starkes Bedürfnis bestehe, sagt Anja Vögeli Knapp, Organisatorin der Lenzburger Kurse und ehrenamtlich Unterrichtende. «Wir füllen damit eine Lücke.»
Zuvor gab es unter dem Patronat von Netzwerk Asyl kein entsprechendes Angebot für Lenzburg und Umgebung. Davon, dass es das Angebot braucht, ist Vögeli Knapp überzeugt. «Einige Asylsuchende fallen durch alle Maschen und können nicht oder nur begrenzt von bezahlten Deutschkursen profitieren.» Asylsuchende im laufenden Verfahren haben beispielsweise keinen rechtlichen Anspruch auf Integrationsleistungen und somit auch nicht auf bezahlte Deutschkurse. Das Beherrschen der deutschen Sprache ist aber oft ausschlaggebend, um den Alltag überhaupt bewältigen zu können. Dank der Kurse machten die Flüchtlinge grosse Fortschritte, sagt Vögeli Knapp und veranschaulicht: «Ohne Vorkenntnisse können sich die Lernenden bereits nach einem Jahr einfach ausdrücken und durchs Leben schlagen.»
Willkommen sind im reformierten Kirchgemeindehaus, das die reformierte Kirche gratis als Kurslokal zur Verfügung stellt, alle Flüchtlinge – vom Asylsuchenden mit Aufenthaltsstatus N über vorläufig Aufgenommene mit Status F bis zu anerkannten Flüchtlingen mit Aufenthaltstitel B. Die meisten der Teilnehmer sind aus Lenzburg oder den umliegenden Gemeinden.
Die Dankbarkeit ist gross
«Vom Aufenthaltsstatus hängt oft auch die Motivation der Teilnehmer ab», weiss Kurslehrer Erich Lüthi aus Lenzburg. Laut Vögeli Knapp besucht die Hälfte der Teilnehmer den Unterricht regelmässig. Wie rasch sich jemand in der deutschen Sprache zurechtfindet, hängt aber nicht nur von der Motivation ab, sondern auch von der Muttersprache. «Ein Syrer lernt beispielsweise einfacher Deutsch als ein Tibeter», weiss Lüthi.
Der ehemalige Hausarzt in Lenzburg, der nach der Pension noch kurzerhand ein Literaturstudium angehängt hat, unterrichtet derzeit einmal pro Woche ehrenamtlich Flüchtlinge in Lenzburg. «Es ist eine äusserst dankbare Arbeit», sagt der 83-Jährige.
Die 7 Lehrpersonen der Kurse im reformierten Kirchgemeindehaus sind zwar nicht alle ausgebildete Lehrkräfte, haben jedoch allesamt einen Hintergrund in Sprachberufen. Sie übernehmen eine wichtige Rolle für die Flüchtlinge. «Diese geht oft über den Deutschkurs hinaus», so Vögeli Knapp. «Wir helfen zum Beispiel auch beim Ausfüllen von Formularen, bei Bewerbungen oder persönlichen Anliegen.»
Grosse Herausforderungen im Unterricht für die Lehrpersonen sind unter anderem fehlende Deutsch-, aber auch die unterschiedlichsten Grammatikkenntnisse. «Von gar keiner Schulbildung bis zum Hochschulabschluss ist alles vertreten», veranschaulicht Lüthi.
Er behilft sich für die Sprachvermittlung mit vielen Bildern und Vergleichen. Das Substantiv erklärt er beispielsweise so: «Das sind Dinge, die man sieht, beispielsweise ein Buch, ein Tisch, ein Stuhl.» Das verstehen die Kursteilnehmenden und nennen weitere Beispiele. Das Vermittelte kommt offensichtlich an, genauso wie der Deutschkurs selbst. Dieser soll auch in Zukunft weiter bestehen und dabei helfen, dass sich Flüchtlinge aus Lenzburg und Umgebung in der Schweiz besser integrieren können.



