Lenzburgiana: Blaui Strümpf

Blaui Strümpf: August-Motiv der Reihe «Lenzburgiana». Illustration: mphs
Blaui Strümpf: August-Motiv der Reihe «Lenzburgiana». Illustration: mphs

Vorurteile bestimmen unsere Gedanken und führen zu teils abstrusen Handlungen. Die jüngsten politischen Entwicklungen offenbaren das Schwarz-Weiss-Denken in erschreckender Weise. 

Schnitt. Fokuswechsel von den Schubladen im Kopf auf den Kleiderschrank: Weisse Socken – galten als ausgestorben, treten heute auch ausserhalb des Rüeblikantons wieder auf – mit und ohne Adiletten. Das Klischee «wissi Socke» wandelte sich vom Provinzsymbol zur Kultsocke und verkam vom Merkmal des King of Pop und der Tennisprofis zum Clubbing-Hippsterstrumpf.

Sucht man nach blauen Pendants landet man beim Manchester-Stoff für Rüeblihosen aus den einstigen Fabriken von «Ennetbareggistan». Der Textilindustrie entspringt übrigens die Redewendung «blau machen» für eine Arbeitspause – meist gefolgt vom «blau sein». Blaustrumpf (engl. bluestockings) wiederum bezeichnete duldenden Gehorsam – wegen den blauen Beinkleidern der Gerichtsdiener am englischen Hof – und diente später der Verunglimpfung «gelehrter Frauenzimmer», also Ehefrauen, die nicht den von der Gesellschaft erwarteten weiblichen Tugenden und Pflichten nachkamen. 

Politisch, sozial und kulturell engagierte, sprich gebildete Powerfrauen verzeichnet Lenzburgs Geschichte in erstaunlicher Zahl, namentlich etwa die königliche Hofsängerin Erika Wedekind, die Autorin Martha Ringier, Gertrud Villiger-Keller, erste Präsidentin des Schweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins, oder Sophie Haemmerli-Marti mit ihrer flammenden Jugendfestrede in der Lenzburger Kirche.

PS: Eigentlich ziemlich blauäugig, diese Schubladisierung nach Farbe, Geschlecht und Herkunft … Nicht geklärt ist indes, ob die Garderobe der Lenzburger Powerfrauen wirklich blaue Strümpfe enthielt. Die Schwarz-Weiss-Fotos in den Schubladen des Museums jedenfalls schweigen.

Mit blau-weissen Grüssen aus dem Museum Burghalde (mphs)

Plakat finden und Preise gewinnen. Das Projekt «Lenzburgiana» wurde vom Museum Burghalde lanciert. Monatlich werden humorvolle Grafiken zu Lenzburger Besonderheiten präsentiert. Das Motiv wird in Plakatgrösse irgendwo im Städtli erscheinen. Der Text dieser Kolumne verrät den Standort. Die witzigsten Selfies vor diesem Plakat werden prämiert. Handyfotos mit Name und E-Mail-Adresse senden an: burghalde@lenzburg.ch – Alle Texte unter www.lenzburgiana.ch.

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