«Es reden Leute, die nicht mehr leben»
Im Lenzburger Müllerhaus wurde die Smartphone-App «IndustriekulTOUR Aabach» vorgestellt. Dieses technische Hilfsmittel schafft den ersten virtuellen Museumsraum im Aargau.

Es handelt sich hier um ein zukunftsweisendes Gemeinschaftsprojekt von Museum Aargau, dem Lenzburger Museum Burghalde und dem Verein Industriekultur am Aabach. Mit der neuen App «IndustriekulTOUR Aabach» können Besucher durch die Zeit reisen und 300 Jahre Industriegeschichte erleben.
Vor Ort machen es Augmented- und Virtual-Reality-Darstellungen möglich, dass auf dem Handy-Bildschirm Fabrikanten, Herrschaften und Arbeiter zum Leben «erwachen». Die erweiterte und die virtuelle Realität schaffen einen imaginären Museumsraum und deuten an, was in Zukunft in Sachen, Wissens- und Unterhaltungsvermittlung alles möglich sein könnte. «Plötzlich reden Leute, die nicht mehr leben», wunderte sich Marco Castellaneta bei der Präsentation im Müllerhaus.
Vorerst drei Touren
Der Direktor von Museum Aargau ist überzeugt, dass sich den Besuchern in und rund um Lenzburg «ein neuer, spezieller Zugang» zum Thema Industriekultur eröffnet. Hier, auf dem Weg entlang des Aabachs, zwischen Hallwilersee und Aare, einer der frühindustriellen Pulsadern im Aargau, kann man die wirtschaftliche und industrielle Entwicklungsgeschichte nun in einer neuen Form erleben.
Der bereits bestehende Industriepfad wurde in einer ersten Etappe mit drei zusätzlichen Themenwegen als digitales Angebot ergänzt. Die weiteren Ausbauetappen sind bereits geplant.
Das Angebot ist betont volkstümlich aufgebaut. Die Industriegeschichte soll niederschwellig vermittelt werden; dies zeigt wohl auch der etwas flapsige Name «HünerwAdel-Tour», auf der Gottlieb Hünerwadel, der beispielsweise den Auftrag zum Bau des heutigen Müllerhauses gab, durch die Anfänge der Textilindustrie in Lenzburg führt.
Ein handfestes Wasserrad
Der Lenzburger Stadtrat Martin Stücheli freute sich als Präsident des Vereins Industriekultur am Aabach über die neue App, betonte jedoch, dass die modernen technischen Spielereien die gefühlte Authentizität etwa beim Betrachten und Anhören eines Wasserrades nicht vollständig ersetzen können: «Es braucht beides.»
Und so ist der Verein nun aktiv geworden und will mit dem Projekt Wasserrad Bleiche das Rad der Zeit etwas zurückdrehen. Im Lenzburger Gebiet «Klein-Venedig» soll künftig ein reaktiviertes und zugänglich gemachtes Wasserrad ein Stück Vergangenheit lebendig machen: «Damit erwecken wir ein Juwel aus dem Dornröschenschlaf», so Stücheli.
Mit dem handfesten und nicht nur virtuellen Wasserrad kann man zurückblenden in die frühindustrielle Zeit, als es in jedem Schweizer Dorf drei bis zehn Wasserräder gab, wie Grossratspräsident Bernhard Scholl in seinem Grusswort erinnerte. Doch: «Die Industrie ist auch heute in stetem Wandel.»



