Engagiert für junge Menschen und ihre Zukunft: 20 Jahre Verein Wohnen 16plus
Jubiläum Vor 20 Jahren wurde in Baden der Verein Wohnen 16plus gegründet, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen in schwierigen Umständen während der Ausbildung eine Wohngelegenheit zu bieten.

Im Interview geben Daniela Oehrli, Toni Meier und Bea Taubert Auskunft über die Vergangenheit, die Gegenwart und auch einen Ausblick.
Wie hat vor 20 Jahren alles begonnen und was war die ursprüngliche Vision?
Daniela Oehrli: Beim Sozialdienst Baden tauchten immer wieder Jugendliche und junge Erwachsene auf, welche Schwierigkeiten in der Berufsausbildung, in der Schule und/oder mit den Eltern hatten. Es gab keine passenden Wohnangebote für selbstständiges, kostengünstiges Wohnen, ausser solche mit Heimstrukturen. So wurde die Idee geboren, ein neues selbstfinanziertes Wohnangebot zu schaffen.
Im Jahr 2005 haben wir als Interessengemeinschaft gestartet. Dabei waren die Leiterin Soziale Dienste Baden, der Leiter des Kantonalen Sozialdiensts, André Roth der gleichnamigen Immobilienfirm, und ich als Stadträtin. Der Regierungsrat investierte auf Antrag 500000 Franken aus dem Lotteriefonds zur Anstossfinanzierung des Projekts Wohnen 16plus. Das Ziel war ein Wohnkonzept mit individuellem, günstigem Wohnen ohne Heimcharakter für Jugendliche und junge Erwachsene. Die Wohnungsmiete sollte durch Lohn, Stipendien und Elternunterhalt selbstfinanziert werden können. Bei Bedarf wollte man eine modulare pädagogische Unterstützung ermöglichen, auch mit dem Ziel, allfällige Abbrüche zu vermeiden. Gesucht wurden 8 bis 10 Wohnungen mit 1.5 bis 2 Zimmern, plus Räume für gemeinsame Aktivitäten.
Wie gelang es, Leute von der Idee zu überzeugen und die finanziellen Mittel zu finden?
Es wurden viele Gespräche geführt. Zentral war, dass wir schon für die Interessengemeinschaft Schlüsselpersonen vom Kanton Aargau gewinnen konnten. Im Januar 2006 wurde der Verein mit sieben Mitgliedern, welche auch den Vorstand ausmachten, gegründet. Neben den öffentlichen Vertretungen waren auch kirchliche, schulische und wirtschaftliche Vertretungen dabei. Ein gutes Netzwerk war dabei zentral. Bei diesem Projekt zeigte sich sehr schön, dass etwas Nachhaltiges entstehen kann, wenn die richtigen Menschen zusammenkommen, die keine Angst haben, Entscheide zu fällen, auch wenn vieles noch sehr unklar war.
Welche besonderen Momente oder Meilensteine sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Ich habe bis heute noch nie so schnell eine Idee zu einem konkreten Angebot umgesetzt. Das ist und war einmalig. Es ging Schlag auf Schlag: Im Januar 2006 wurde der Verein Wohnen 16plus gegründet. Bereits am 15. März 2006 konnte die Liegenschaft am Kirchweg 30/32 in Nussbaumen erworben und das Projekt der Öffentlichkeit vorgestellt werden. Die Resonanz war sehr positiv. Für die Bewirtschaftung wurde die Firma André Roth AG beauftragt. Nach der Sanierung konnte am 1. Juni 2006 die erste Wohnung vermietet werden. In den folgenden Monaten wurden weitere Mietverträge abgeschlossen, unter anderem mit der Spielgruppe Bärentatze, der Gemeinde Obersiggenthal und Alstom.
Zusammen mit HEKS Wohnen wurde ein Angebot zur Förderung von Wohn- und Lernkompetenzen aufgebaut. Bis Ende 2006 traten dem Verein 13 Gemeinden bei. Unterstützung erhielt Wohnen 16plus zudem von Stiftungen und Unternehmen wie der Aargauischen Kantonalbank und dem Casino Baden. Ab November 2006 waren alle 22 Wohnungen vermietet.
Wie kam es dazu, das Angebot mit einem zweiten Standort zu erweitern?
2010 kam André Roth mit der Information, dass die SBB in Lenzburg nahe am Bahnhof ein Stück Land zum Verkauf ausgeschrieben haben. Da die Wohnungen in Nussbaumen stets ausgebucht waren und die Warteliste immer länger wurde, haben wir uns überlegt, dass der Standort Lenzburg, aufgrund der geografischen Lage und der Berufsschule etc., ein idealer Ort ist zur Ausweitung des Wohnen 16plus. Nach zähem Ringen konnten wir dann im Jahr 2011 das Landstück kaufen.
Vor 10 Jahren kam die Liegenschaft in Lenzburg dazu. Was waren die grössten Herausforderungen beim Neubau?
Die Baustelle entlang der SBB-Bahnlinie und die direkt angrenzenden Umschaltanlagen erforderten erhöhte Sicherheitsmassnahmen. Es gab eine Phase, in der unsicher war, ob die erforderlichen Schutzmassnahmen überhaupt finanzierbar sind. Anstelle einer teuren, hohen Schutzwand konnte das Problem dann aber mit geringeren Schutzmassnahmen und einem verhältnismässigen Aufwand gelöst werden. Nach dem Bezug zeigte sich eine weitere Herausforderung: Die spezielle Architektur mit dem offenen Laubengang führte zu höheren Lärmemissionen für die Nachbarschaft, was hin und wieder Konflikte auslöste. Wir mussten als Verein zeitweise sogar Sicherheitspersonal aufbieten, um die Hausordnung durchzusetzen.
Was bedeutet «Wohnen 16plus» für die Jugendlichen, die in den Liegenschaften leben?
Freiheit! Aber auch eine neue Verantwortung. Nicht alle sind darauf vorbereitet beziehungsweise haben die notwendigen Fertigkeiten in ihrem bisherigen Leben (Elternhaus und Schule) erlernen können. Die allermeisten schaffen dies jedoch, auch mit Unterstützung von Sozialdiensten und Institutionen. Die wenigen, die es nicht schaffen, verursachten dem Verein und der Verwaltung teilweise viel Aufwand (etwa durch Mietzinsrückstände oder verwahrloste Räume).
Was waren die Herausforderungen des Vereins und der Verwaltung?
Es gab eine Zeit, da war die Nachfrage nach dem Angebot des Vereins weniger gross, was zu Leerständen führte. Das verursachte Unsicherheit bezüglich der Finanzierung. Schliesslich müssen über die Mietzinseinnahmen die noch immer hohen Hypothekarschulden bedient werden können.
Welche besonderen Momente oder Meilensteine sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Die Inbetriebnahme und die Einweihung des neuen Gebäudes in Lenzburg waren bestimmt der grösste Erfolg während meiner Tätigkeit im Verein. Die Zusammenarbeit mit dem Vorstand sowie mit der Verwaltung empfand ich als sehr angenehm. Da im Vorstand Personen mit unterschiedlichem beruflichem Hintergrund tätig sind, führte dies stets zu sehr konstruktiven und interessanten Diskussionen.
Wo sehen Sie den Verein in den nächsten 10 Jahren?
Jugendliche und junge Erwachsene, welche Schwierigkeiten in der Berufsausbildung, in der Schule und/oder mit den Eltern haben, gibt es nach wie vor. Mit dem Bevölkerungswachstum nimmt auch diese Bevölkerungsgruppe zu. Zudem nimmt der bezahlbare Wohnraum stetig ab. Angebote wie das des Vereins Wohnen 16plus sind wichtig und gesucht. Auch Organisationen wie HEKS, Töpferhaus und Trinamo sind ständig auf der Suche nach bezahlbaren Wohnungen. Deshalb ist es wichtig, dass der Verein Wohnen 16plus noch lange bestehen kann. In 10 Jahren sind sämtliche Wohnungen der Liegenschaft in Nussbaumen saniert und die finanziellen Mittel für die bis dahin anstehende Sanierungen der Wohnungen in Lenzburg gesichert. Die Erzeugung von Strom und Wärme geschieht mit erneuerbaren Energien und wer weiss, vielleicht können wir das Wohnungsangebot in einer dritten Standortgemeinde ausbauen.
Welche neuen Projekte oder Ideen stehen in den Startlöchern?
Nach der Sanierung der Wohnungen in der einen Liegenschaft in Nussbaumen müssen wir nun zuerst wieder finanzielle Mittel ansparen. Wir prüfen momentan die Erstellung einer PV-Anlage auf der Liegenschaft in Lenzburg und haben uns für den Fernwärmeanschluss in Nussbaumen angemeldet.
Was wünschen Sie sich für den Verein Wohnen 16plus und die Jugendlichen und jungen Erwachsenen?
Die Zusammenarbeit zwischen dem Vorstand, der Verwaltung und HEKS Wohnen ist nach wie vor sehr gut. Viele Jugendliche und junge Erwachsene benötigen Begleitung in Wohn- und Lebensfragen und werden durch HEKS beim Bezug der Wohnung eingeführt. Ich wünsche mir, dass diese Zusammenarbeit so bestehen bleibt und noch viele Jugendliche und junge Erwachsene mit diesem Angebot in eine solide Selbstständigkeit finden werden. Auch die Arbeit der Verwaltung André Roth AG ist zentral und wichtig. Da die Jugendlichen nach dem Abschluss der Ausbildung eine neue Wohnung finden müssen, gibt es stetig Wechsel bei den Mietenden. Zudem wünsche ich, dass die finanziellen Mittel gesichert werden können, um das Angebot zu erhalten und allenfalls auszubauen. (pd/rfb)



