Die Zirkuslehrerin aus Lenzburg
Zirkus Stefanie Haefeli war acht Jahre Primarlehrerin in Lenzburg. Jetzt tourt die 30-Jährige eine Saison lang mit dem Zirkus durch die Schweiz und erfüllt sich damit einen Kindheitstraum.

Ein Teleskoplader braust lärmend vorbei, macht das Hämmern und Klopfen der Zeltaufbauer für einen Moment zum Hintergrundgeräusch. Umringt von Campern und Wohnwagen wächst das unfertige Zirkuszelt gegen Himmel. Noch fehlt so einiges für eine komplette Zirkusmanege. Während draussen gerade eine kleine neue Welt entsteht, wird im Schulcamper der «Circus Monti»-Wohnwagenstadt konzentriert gearbeitet. Isabel (10), Lukas (12) und Katja (11) machen gerade Lesetraining. Lehrerin Stefanie Haefeli schliesst die Tür zum Schulwohnwagen. Der Baulärm wird leiser.
Acht Jahre lang hat die Primarschullehrerin aus Lenzburg Erst- und Zweitklässler der Regelklasse unterrichtet. Dann «war Zeit für eine Veränderung», sagt sie. Seit Ende Juli tourt sie mit dem «Circus Monti» durch die Schweiz und unterrichtet dort eine Saison lang die Zirkuskinder. Als Teil der Zirkusfamilie ist sie aber nicht nur Lehrperson, sie packt auch beim Zirkusalltag mit an und hilft beispielsweise beim Umzug beim Zeltauf- und -abbau. Die körperliche Arbeit gefällt der ausgebildeten Pädagogin. «Es ist schön, mal zur Abwechslung mehr anzupacken, weniger selber zu denken und koordinieren zu müssen. Hier bin ich ein Rädli im Getriebe – ein Teil vom Ganzen.»
Auch das Leben im Camper ist für Stefanie Haefeli neu. Im rund 12 Quadratmeter grossen Schulwohnwagen unterrichtet sie nicht nur, sie schläft und lebt auch dort. «Es ist klein, aber ich habe immer alles dabei.» Mit dem Leben auf Tournee kam auch rasch die Einsicht: «Man braucht im Grunde genommen nicht viel.» Eine Kochnische, einen Esstisch, ein paar Kleider, die Gitarre, Fotos von Familien und Freunden und ein Bett. Ein Vorhang vor der Bettstatt trennt den Schlafbereich vom Unterrichtsbereich und schafft ein wenig Privatsphäre.
«Gestern sind wir in Aarau angekommen», erzählt Stefanie Haefeli. Zuvor gastierte der Zirkus in Basel. Dort feierte die nun 30-Jährige auch ihren Geburtstag – ohne viel Tamtam. «Ich habe gearbeitet», sagt die Primarschullehrerin. «Es war ein normaler Zirkustag mit Unterricht, Vorstellungen und Mitanpacken.» Der Zirkusalltag bedeutet viel Arbeit, «aber auch Abwechslung», sagt Haefeli. Jeweils am Morgen gibt sie Unterricht, später bei den Vorstellungen hilft sie dort, wo sie gerade gebraucht wird. «Jeder hat seine festen Aufgaben», erklärt die Zirkuslehrerin. «Wenn das erledigt ist, schaut man, wo man noch etwas tun kann.»
Lehrerin, Portière, Crêpeverkäuferin
Während der Vorstellungen wird die Primarschullehrerin zur Portière und Platzzuweiserin und verkauft in den Pausen Crêpes. «Langweilig war mir noch nie», sagt sie und lacht. «Die Tage sind durchgetaktet.» Dass als Zirkuslehrerin Freizeit und Einkommen beschränkter sind als sonst im Lehrerberuf, stört Stefanie Haefeli nicht. Denn einmal beim Zirkus zu arbeiten, davon träumte sie schon als Kind. Um sich den Traum zu erfüllen, nahm sie ein halbes Jahr unbezahlten Urlaub. Nach der Saison startet sie wieder bei ihrer Klasse an der Regionalschule Lenzburg. Sicher um viele neue Erfahrungen reicher.
Der Unterricht ist vorbei. Isabel, Lukas und Katja verabschieden sich von Stefanie Haefeli. Draussen ist es ruhiger geworden. Das Zirkuszelt hat Formen angenommen. Bald wird es heissen: «Manege frei.»



