«Die Farbe der Wahrheit ist grau»
Ausstellung Seit Sonntag ist «Fake. Die ganze Wahrheit» für das Publikum offen. In der ersten Stapferhaus-Ausstellung am neuen Ort lernt man Lügen und sich selbst kennen.
An der Anmeldung erhält man kein Eintrittsticket, sondern einen «Besucherausweis». Und muss gleich noch eine Erklärung unterschreiben: «Hiermit bestätige ich, dass ich mich während des Besuchs im Amt für die ganze Wahrheit verantwortlich fühle.»
Für die erste Ausstellung im neuen Dauersitz am Bahnhof Lenzburg, «Fake. Die ganze Wahrheit», hat das Stapferhaus-Team die schwarz ausgekleideten Räume ins «Amt für die ganze Wahrheit» verwandelt. Diese Stelle ist in verschiedene Abteilungen gegliedert und der Besucher wird vom Amtsleiter Hans Wahr begrüsst.
Zum Auftakt erfährt das Publikum so, dass es mit der Wahrheit nicht so einfach ist. Was heute wahr ist, ist morgen falsch – und umgekehrt. Eine amtliche Institution ist in einem solch fluiden Umfeld natürlich hoffnungslos überfordert. Hans Wahr hält deshalb in seiner kurzen Einführung auf dem Riesenbildschirm fest, was schon auf dem Bändel des Besucherausweises steht: «Die Wahrheit braucht dich.»
An der Presse-Präsentation von «Fake» wurde festgehalten, dass die Wahrheit «nicht schwarz oder weiss» ist: «Die Farbe der Wahrheit ist grau.» In diesen Graubereich wollen die Ausstellungsmacher und sollen die Besucher etwas Ordnung bringen. Der Umgang mit Lügen, Teil-, Halb- oder Ganzwahrheiten ist ein gesellschaftliches und ein milliardenfaches persönliches Problem. «Wir haben hier das Thema vom aktuell oft benutzten Begriff ‹Fake-News› befreit», unterstreicht Kurator Daniel Tyradellis die generelle Dimension.
Kategorien von Wahrheiten
In diesem Umfeld geht es oft um den Begriff Vertrauen. Und ohne Vertrauen verliert jede Beziehung den nötigen Kitt. An vielen stapferhaus-typisch-interaktiven Stationen können die Besucher sich selbst einschätzen – und neu erkennen. «Die Lüge ist nah bei der Fantasie», sagte Stapferhaus-Leiterin Sibylle Lichtensteiger bei der Publikumseröffnung am Sonntagmorgen.
Die «Zentrale Lügenanlaufstelle» im Amt ist überfordert. Die Besucher müssen bei der Beurteilung helfen: Abu-Dhabi-Reise, Fussball-Schwalbe, Diesel-Abgas-Angaben, Seitensprung müssen kategorisiert werden; von «lustig» bis «tödlich» reicht die Bandbreite.
Laut Lichtensteiger bietet die Ausstellung Stoff für eine Verweilzeit von mindestens fünf Stunden; wie andere Ämter muss man auch hier eventuell mehrmals antraben, um alles zu erfahren.
In der «Prüfstelle für Fälschungen und ihr Gegenteil» muss man sich Paul Gauguins Gemälde «Les Pommiers de l’Hermitage» mehrmals anschauen. Ist das 6,4 Millionen Franken teure Werk echt? Oder doch ein Fake?











