Auf dem Highway des Lebens braucht es Leitplanken

Bei der 15. Ausgabe von «Lenzburg Persönlich» blicken die Gefängsnisseelsorgerin und Ordensschwester Iniga Affentranger und der Polizeichef der Regionalpolizei Lenzburg Ferdinand Bürgi aus verschiedenen Perspektiven auf Lenzburg, auf das Leben, die Gesellschaft und ihre Menschen.

15. Ausgabe von «Lenzburg Persönlich»: Ordensschwester Iniga Affentranger, Gesprächsleiter Tinu Niederhauser und Polizeichef Ferdinand Bürgi im Müllerhaus. Foto: Stefanie Osswald
15. Ausgabe von «Lenzburg Persönlich»: Ordensschwester Iniga Affentranger, Gesprächsleiter Tinu Niederhauser und Polizeichef Ferdinand Bürgi im Müllerhaus. Foto: Stefanie Osswald

Die Stimmung ist nachdenklich. Es sind tiefe Fragen, welche die Lenzburger an diesem frostigen Märzsonntag im Müllerhaus zur fünfzehnten Ausgabe des Gesprächs «Lenzburg Persönlich» zusammenbringen.

Zu Gast zwei Menschen an den sozialen Schnittstellen. Gekonnt und humorvoll führt Moderationsleiter Tinu Niederhauser durch die einstündige Gesprächsrunde und schlägt die Brücke zwischen zwei Rollenbildern, die zunächst keine Parallelen erwarten lassen.

«Links und rechts von mir zwei Leitplanken. Die Hüterin der göttlichen Gesetze, Ordensschwester Iniga Affentranger, zu meiner Rechten und der Vertreter der weltlichen Ordnung, Polizeichef und Wogenglätter Ferdinand Bürgi, zur Linken», spasst Niederhauser bei der Gesprächseröffnung und zieht den Leitplankenvergleich.

«Bewaffneter Sozialarbeiter»

Als Leiter eines 27-köpfigen Polizeikorps steht der in Gränichen lebende Ferdinand Bürgi stets im Spannungsfeld der Gesellschaft. Bei seiner Arbeit gilt es für den zweifachen Familienvater regelmässig zwischen der Wahrung allgemeiner Sicherheit und Ordnung und dem Respekt vor der Freiheit des Einzelnen abzuwägen.

«Ich schaue, dass Leute sinnbildlich gesprochen nicht über die Mittelleitplanke hinauskommen.», meint Bürgi, der sich selbst mit einem scheuen Augenzwinkern als «bewaffneten Sozialarbeiter» bezeichnet, ohne dabei seine ernste Miene zu verziehen.

Über einen Menschen anhand seiner Taten urteilen möchte Bürgi jedoch nicht. «Mich interessieren vor allem die Beweggründe einer Tat. Die Gründe für eine Entgleisung», führt er aus. Der Mensch erhalte auch immer nur die Rolle, die man ihm zuspreche.

Blick hinter die Fassade

Die 1944 geborene und in Hitzkirch aufgewachsene Iniga Affentranger lebt als eine von 220 Schwestern in der Ordensgemeinschaft des Klosters Baldegg. Die Ordenstracht und das Gelübde der Armut, der Ehelosigkeit und des Gehorsams binden sie an die Gemeinschaft. Von 2000 bis Januar 2018 war sie Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Lenzburg und sprach während beinahe zwei Jahrzehnten mit Inhaftierten über das Leben, ihre Schuld und das Alleinsein.

Dabei blickte sie hinter die Fassade der Menschen, die wegen ihrer Taten auch von der Gesellschaft verurteilt wurden. Vieles habe ihr auf den Magen geschlagen, als sie über die Verbrechen erfuhr. Doch für die Ordensschwester steht nicht die Geschichte eines Menschen im Vordergrund. «Der Mensch ist immer das, was er jetzt ist – mit all seinen Ecken und Kanten», betont die 74-jährige Dame mit der freundlichen und dennoch bestimmten Ausstrahlung. Eine Person dürfe nicht nur aufgrund einer Handlung beurteilt werden. Über Menschen könne man nicht urteilen. Dennoch müsse es klare Linien geben.

Es braucht Regeln und Normen

Über eines sind sich Schwester Affentranger und Polizist Bürgi einig: Eine Gesellschaft brauche Regeln und Normen, die für alle gelten, um ein Zusammenleben zu ermöglichen. Es sind die Leitplanken auf dem Highway des Lebens, die einerseits Einschränkung bedeuten, aber auch Orientierung, Identität und den Halt innerhalb einer Gemeinschaft bieten und dazu beitragen, auf dem richtigen Weg zu bleiben.

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