«Jä, wissen Sie, im Sammlungs- zentrum hat man keine Zeit»

Egliswil Das Sammlungszentrum in Egliswil beherbergt mehrere zehntausend Objekte der Aargauer Geschichte in einer nüchternen Lagerhalle in Egliswil. Einmal im Monat lädt der Standort des Museums Aargau zu einer Führung ein. Im Februar präsentierten die Verantwortlichen eine wertvolle sakrale Skulptur, die neu der Sammlung geschenkt wurde.

Die sakrale Skulptur wurde Ende des 15. Jahrhunderts hergestellt.Foto: Regula Amsler

Die sakrale Skulptur wurde Ende des 15. Jahrhunderts hergestellt.Foto: Regula Amsler

Die Geschwister Scholer, die die Schenkung getätigt haben.Foto: Regula Amsler

Die Geschwister Scholer, die die Schenkung getätigt haben.Foto: Regula Amsler

Ja, das Sammlungszentrum Egliswil ist ein zeitloser Ort. In diesem kargen Raum voller Gestelle und Archivregale ist zwar jedes Objekt mit einem klaren Datum erfasst. Beispielsweise Strohhüte, Schaukelpferde oder Gewehre aus allen Epochen dienen als Zeitzeugen. Die riesige zeitliche Dimension, die die gesammelten Objekte abdecken, lässt einen gleichzeitig klein und dazugehörig fühlen. Die Zeit wirkt verdichtet. Der fensterlose, klimatisierte Raum trägt das seine dazu bei, dass man die Zeit vergisst und fernab von Raum und Zeit in Geschichten und Lebensweisen eintauchen kann.

Herkunft der geschenktenSkulptur

Ein Objekt und damit eine Geschichte, die über mehrere Zeiträume spielt, wollen wir hier speziell beleuchten. Der Kurator Rudolf Velhagen präsentierte ausführlich die frisch restaurierte und neu der Sammlung vermachte Skulptur der Heiligen Sippe. Ein detailliert geschnitztes Standbild von rund 80 Zentimeter Höhe zeigt, auf einem Thron sitzend, die heilige Maria mit dem jungen Christus und ihre Mutter, die heilige Anna. Flankiert werden die drei in Gold gehüllten Figuren von den beiden stehenden Männern Joseph und Joachim. Diese Skulptur wurde Ende des 15. Jahrhunderts hergestellt mit dem Zweck der Anbetung und intensiven Betrachtung durch das Volk. Wunderschön bemalt und interpretiert zeigt die Figurengruppe finessenreich, wie damals Geschichten transportiert wurden – nämlich mit Bildern. Nicht anders als heute, nur viel langsamer.

Persönliche Geschichte hinter dem Objekt

Die Geschichte des 500-jährigen Objektes kennen wir erst wieder ab 1951, als Doktor Scholer die sakrale Skulptur als Kunstwerk erwarb. Seine Nachkommen waren zur Würdigung der Schenkung extra aus verschiedenen Teilen der Schweiz angereist. Sie erinnern sich, dass das Kunstwerk im Arbeitszimmer der Mutter auf einem olivgrünen Sockel stand, und haben noch heute vor Augen, wie sie vor dem Bildnis die Administration der Praxis führte. Sie waren Kinder, die in einem Haus mit viel Kunst aufwuchsen. Die Ärztefamilie fand nach dem Tod der Eltern, dass ein derartiges Meisterstück der Allgemeinheit zugänglich gemacht werden sollte. Da der Vater im Wehrdienst zu Kriegszeiten häufig in aargauischem Grenzgebiet unterwegs war, fanden die Geschwister, dass das Aargauer Museum die stimmige Institution sei, der sie das Kunstwerk vermachen wollten.

Das Leben als Sammlungsobjekt

Jährlich finden durch Schenkungen oder Ankäufe rund 100 Objekte den Weg in die Sammlung. So steht die Darstellung der Heiligen Sippe nun vorerst zusammen mit Tausenden Objekten unter optimalen Lagerbedingungen in einem Gestell in Egliswil. 2027 ist auf dem Schloss Lenzburg eine Ausstellung geplant, die die Skulptur in einem besseren Licht der breiten Öffentlichkeit zugänglich machen will. Bis dahin kann es durchaus sein, dass der Konservator Thomas Imfeld während einer Führung das sakrale Kunstwerk aus der Menge der Zeitzeugen hervorhebt und dessen Geschichte aufleben lässt.

Besuch des Sammlungszentrums Egliswil

Ob Kirchenskulpturen, Wirtshausschilder oder Glühbirnen – an einem Abend im Sammlungszentrum kann alles zum Thema werden. Die Anzahl Teilnehmende pro Führung ist aus Sicherheitsgründen begrenzt. Einzutauchen in Geschichten aus anderen Zeiträumen, lohnt sich auf jeden Fall. Ob man sich für längere Zeit einem einzelnen Objekt widmet oder dem heutigen Scrollen ähnlich die erschlagende Fülle an Objekten konsumiert – der Faktor Zeit bestimmt immer in irgendeiner Form auch die Welt des Sammlungszentrums. Weil sie dort aber anders tickt, ist ein Besuch bestimmt erholsam und inspirierend.

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