Zwischen Pixeln, Pinsel undimaginären Landschaften
Lenzburg Die polnisch-österreichische Künstlerin Agnieszka Zagraba ist in der Villa Sonnenberg angekommen. In Lenzburg entwickelt sie ihre digitale Welt «The Land of Bearing Shapes» weiter – und taucht zugleich tief in die Aquarellmalerei ein.

Wer die schwere Holztür der Villa Sonnenberg öffnet, betritt einen Ort, an dem Geschichte, Gegenwart und künstlerisches Schaffen unmittelbar aufeinandertreffen. Hier wohnt und arbeitet zurzeit die polnische Künstlerin Agnieszka Zagraba. Sie ist Teil des Artist-in-Residence-Programms der Villa Sonnenberg, das internationalen Kunstschaffenden Raum, Ruhe und Austausch bietet, um neue Arbeiten zu entwickeln und in Dialog mit dem Ort zu treten. Agnieszka Zagraba arbeitet seit Januar an einer Kunst, die sich weigert, sich festzulegen – zwischen Digitalität und Wasserfarbe, Theorie und Intuition, Körper und Landschaft.
Die 1996 in Polen geborene Künstlerin und Designerin hat in Krakau Industriedesign und anschliessend Digitale Kunst an der Universität für angewandte Kunst Wien studiert. Sie bewegt sich souverän in Game Engines, 3D-Modellierung, Grafik und Video – und ebenso selbstverständlich mit Pinsel und Papier. Doch ihren Weg zur Kunst beschreibt sie nicht als bewusste Entscheidung, sondern als etwas Organisches. «Ich erinnere mich nicht an einen Moment, in dem ich entschieden habe: Das ist es. Ich habe einfach immer Dinge erschaffen», sagt sie. Kunst sei für sie «eine Art Brücke, die verschiedene Phänomene und Lebensbereiche verbindet – eine Methode, mein Leben zu führen».
Eine lebendige Metapher
Im Zentrum ihres aktuellen Schaffens steht «The Land of Bearing Shapes» – eine digitale Welt, die weder ganz fiktiv noch real ist. Zagraba beschreibt sie als «Realitätstest» und als «lebendige Metapher, in der ich verschiedene Theorien verarbeiten kann». Default-Formen dienen ihr dabei als Hintergrund für spekulative Erzählungen.
Ihre digitalen Landschaften entstehen nicht nach starrem Plan, sondern «intuitiv, aber mit dem ehrlichen Anspruch, sie irgendwie logisch zu machen». Intuition selbst, sagt sie, sei immer schon strukturiert: «Kein Wesen im Universum handelt völlig ohne Regeln.» Gefühle und Emotionen versteht sie als Teil eines stetigen Bewegungsgeflechts – einer «menschlichen Mesh», die sich ständig verändert und aus der Distanz Leben genannt werden kann.
Besonders fasziniert ist Zagraba von menschlichem Verhalten. Sie beobachtet «interpersonale Spiele» wie einen Tanz – chaotisch, improvisiert, aber hochinteressant. Dabei fragt sie sich sogar, ob Ameisen untereinander vielleicht ebenso komplexe Wahrnehmungen voneinander haben, wie Menschen sie besitzen.
Wenn Wasser zu sprechen beginnt
Parallel zu ihrer digitalen Arbeit hat Zagraba in den letzten Monaten verstärkt zur Aquarellmalerei zurückgefunden. Die Technik begleitet sie seit über 15 Jahren – zunächst als eine Art visuelles Notizbuch, heute als eigenständige künstlerische Praxis und als Grundlage für Workshops mit der lokalen Bevölkerung.
«Aquarell ist direkt und haptisch. Es ist lebendig, reagiert und ist nie vollständig vorhersehbar», sagt sie. Gerade diese Unkontrollierbarkeit mache den Reiz aus. In «The Land of Bearing Shapes» bringe das Wasser eine zusätzliche Schicht von Zufall und Körperlichkeit hinein – und lasse die digitale Welt «noch lebendiger» wirken.
Zwischen Bildschirm und Papier sieht sie einen beinahe magischen Dialog: «Es ist wie ein Gespräch zwischen zwei Menschen, die beide recht haben, über dasselbe sprechen, aber aus völlig unterschiedlichen Perspektiven kommen.»
Thematisch kreist ihr Werk immer wieder um das Verhältnis von Mensch und Umwelt. Beim Malen entdeckt sie mitunter plötzlich Formen, die an Körper oder Tiere erinnern – und ringt dann damit, ob sie diese Erscheinungen bewusst weiterverfolgen soll. In ihrer neuen Arbeit wird sich zeigen, wie stark diese «Geister, Stimmungen oder Erinnerungen an Orte» die Welt der «Bearing Shapes» prägen werden.
Ankommen in einer Miyazaki-Landschaft
In Lenzburg ist Zagraba erst seit Kurzem – entsprechend neugierig beschreibt sie ihr Ankommen. «Dies ist ein weiterer Ort zum Leben, nicht nur zum Besuchen. Man weiss nie, wie es sein wird.» Ihr erster Eindruck von der Villa Sonnenberg war überwältigend: «So stilvoll, und doch bescheiden und geschmackvoll. Der Garten, die Umgebung, das Schloss, die Felsen – es trägt eine friedliche Energie der Geschichte in sich.» Auch die Altstadt von Lenzburg erinnert sie an eine Filmkulisse: «Irgendwie laufen in meinem Kopf ständig Soundtracks aus Miyazaki-Animationen mit. So idyllisch.» Besonders wohl fühlt sie sich direkt auf dem Areal der Villa – doch sie erkundet auch die Region und hat bereits das Museum Burghalde, das Stapferhaus und das Aargauer Kunsthaus in Aarau besucht.
Ihr Arbeitsrhythmus ist unregelmässig. Kreativ ist sie vor allem abends und nachts, tagsüber erledigt sie eher repetitive Aufgaben. Für den Flow braucht sie «gutes Essen, guten Schlaf und Ruhe». Je nach Aufgabe arbeitet sie in Stille, mit Musik, Podcasts – oder sogar im Gespräch am Telefon.
Obwohl sie sich als introvertiert beschreibt, schätzt sie den Austausch mit anderen Menschen. Gleichzeitig braucht sie Phasen der Konzentration: «Jede Person bringt ihr eigenes Universum mit – nicht nur Präsenz, sondern eine intuitiv wahrgenommene Welt, die interferiert.» Wenn die Arbeit stockt, hört sie bewusst auf. «Dieses Recht, innezuhalten und nachzudenken, ist ein essenzieller Teil meiner Freiheit.»
Farbe, Mensch und Frühling
Mit der Residency beginnt für Zagraba «ein neues Kapitel» der «Bearing Shapes». Sie hofft auf mehr Farbe und mehr menschliche Wärme in ihrer digitalen Welt. In Lenzburg konzentriert sie sich vor allem darauf, Werke, die bisher nur in Gedanken existieren, materiell werden zu lassen – konkret: zu malen.
Der Austausch mit der lokalen Gemeinschaft ist ihr wichtig. Kunst, sagt sie, müsse Teil des Lebens bleiben: «Ich finde es schön und bereichernd, wenn etwas mehr Wahrheit und Schönheit Raum gewinnt.» Die geplanten Aquarell-Workshops sieht sie als Möglichkeit, Kunst nicht nur zu zeigen, sondern gemeinsam zu erleben.
Besonders gespannt ist sie auf den Frühling – wenn der Garten der Villa zu blühen beginnt. Und auf die Ausstellung, die am 28. März eröffnet wird. «Ich mache einfach das, was ich wirklich liebe – in einer märchenhaften Umgebung.» Und vielleicht, so lässt sich vermuten, werden dann auch die Vögel von Lenzburg in ihren Bildern auftauchen: «So viele Vögel! Und nachts das Rufen der Eule.»
Aquarell-Workshops in der Villa Sonnenberg mit Agnieszka Zagraba (keine Vorkenntnisse nötig). Während der Workshops gestalten die Teilnehmenden kleinformatige Aquarellwerke. Daten: Dienstag, 3. März (Geometrische Abstraktionen), Dienstag, 10. März (Fliessende Landschaften) und Dienstag, 17. März (Botanische Formen), jeweils 18 bis 20 Uhr. Kosten: 45 Franken, inklusive Material. Begrenzte Plätze pro Termin. Anmeldung erforderlich: info@villasonnenberg.ch.
Ausstellung Werke von Agnieszka Zagraba: Samstag, 28., und Sonntag, 29. März, Villa Sonnenberg.



