Überwintern

Bäume werfen ihre Blätter ab und ruhen, bis sie im Frühling voller Energie neu aufblühen. Tiere bereiten sich auf die kalte Zeit vor, indem sie sich Fettpolster anlegen, Vorräte sammeln oder sich für einen Winterschlaf zurückziehen.
Wir Menschen durchleben alle persönliche Winter. Ein Verlust, eine Krankheit oder eine anstehende Entscheidung kann Zeiten einleiten, die dunkel und kalt wirken. Diese Winter können plötzlich eintreffen oder sich langsam anschleichen. Sie nehmen einen aus dem Alltag, der rundherum unbeirrt weiterläuft. Selber fühlt man sich abgerückt, vielleicht irritiert, wie die Welt sich weiterdrehen kann, wenn einem gerade der Boden unter den Füssen verloren geht. Persönliche Winter können bedrohlich wirken. Sie sind schwere Zeiten, an denen man leiden kann. Es sind Wochen, in denen man nicht alle Aktivitäten mitmachen mag, sondern in denen man sich auf sich selbst konzentrieren muss.
Die Natur hat Strategien entwickelt, um die kalte Zeit zu überdauern. Sie ruht, zieht sich zurück und sammelt neue Energie. In einem Umfeld, in welchem andauernd Leistung erbracht werden soll und offenbar alle beständig präsent, aktiv und vorwärtsstrebend sind, fällt es nicht leicht, sich zurückzuziehen. Einen persönlichen Winter zuzulassen, sich Ruhe gönnen, die schnelle, laute Welt für einmal aussen vor lassen und nicht mittun müssen kann dunkle Zeiten weniger bedrohlich machen. Was als triste, verlorene Wochen erscheint, wird im Nachhinein zu einer Zeit, in der sich Neues entwickeln kann, in der neue Gewissheiten wachsen können.
Wie wir mit persönlichen Wintern umgehen, ist individuell. Sich damit zu versöhnen, dass das Leben unterschiedliche Phasen mit sich bringt, und darauf zu vertrauen, dass nach dem Winter etwas Neues spriessen kann, hilft dabei.
Kathrin Steinnmann, Buchhandlung Otz