Salzkorn: Ungebetener Hausgast

Gastfreundschaft ist auch in unserer Kultur ein hochgehaltener Wert. Aber es gibt Grenzen. Und diese wurden überschritten, als meine Frau und ich die x-te Nacht wegen lauten Kratz-, Schleif- und Poltergeräuschen aufwachten: «Er ist wieder da!» Gemeint war unser ungebetener Hausgast. Ein Steinmarder, der über oder unter den Ziegeln Dach auf, Dach ab sauste; einmal in diese Ecke der Schlafzimmerdecke, dann in die andere. Zuerst versuchten wir es mit den Tipps aus dem Internet: mit Alufolie umwickelte Steine, Zustopfen von Schlupflöchern, Versperrung von potenziellen Kletterstellen usw. Ohne Erfolg. Wenig fruchteten auch die akustischen Vergrämungsversuche mit Beethovens Fünfter oder YouTube-Hundegebell.

In unserer Verzweiflung googelten wir «Lenzburg – Marder – Hilfe» und landeten beim Wildhüter des Jagdreviers Lenzburg Süd. Seither wissen wir aus erster Hand, dass Jäger nicht nur jagen, hegen und pflegen, sondern auch kompetente Beratende und kundenorientierte Dienstleister sind, wenn sich Wildtiere – quasi als Neuzuzüger – mitten in der Zivilisation nicht urban-progressiv, sondern urban-aggressiv gebärden.

Nach einem ersten Augenschein kehrte der Wildhüter mit einem grossen Drahtkäfig zurück und platzierte ihn – aufgrund der Aufnahmen der Überwachungskameras – in einer Dachlücke. Es werde drei oder vier Nächte dauern, bis etwas passiere, der Marder müsse sich zuerst ans Käfiggebilde gewöhnen. Und wirklich: In der vierten Nacht konnte er der Versuchung des als Köder ausgelegten Hühnereis nicht mehr widerstehen, die Falle schnappte zu. Kurz nach Sonnenaufgang fuhr der Wildhüter vor und verfrachtete das putzige, aber verständlicherweise übel gelaunte Tier in ein Waldstück, wo es freigelassen wurde. Seither haben wir wieder (Nacht-)Ruhe. Nur ab und zu erwachen wir leicht irritiert – um zu horchen, ob es ausser dem Rauschen des Aabachs wirklich nichts zu hören gibt.

Peter Buri, Lenzburg

Peter Buri

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