Salzkorn: Ein Quäntchen ­Traurigkeit

Melanie Solloso
Melanie Solloso

Zwei Jahre lang habe ich die Kinder aufgrund von Covid zu Hause unterrichtet, unter anderem mit Arbeitsblättern der öffentlichen Schule. Oft war es zusätzlich zum Schulstoff ein Lernen, was die Kinder gerade so interessiert, unsere Wissensreise führte uns vom Sonnensystem über den Wasserkreislauf über den menschlichen Körper bis hin zu Tintenfischen und Borkenkäfern. Der Unterricht in der Natur über die Natur war jeweils absoluter Favorit. Da war auch der Kleinste ganz dabei. Bei unserer letzten Entdeckungsreise über Ökosysteme war mir nicht bewusst, dass dies das letzte Mal sein wird: das letzte Mal alle drei Kindern zusammen unterrichten.

Vor Kurzem hat die philippinische Regierung wieder grünes Licht gegeben für den Unterricht in Vollklassen. Für meine Kinder hat der Regelunterricht nun bereits begonnen. Der Kleinste ist im ersten Kindergarten. Und ich habe plötzlich ganz viel Zeit für mich. Etwas, nach dem ich mich schon lange gesehnt habe. Nach einem ersten Hoch dank dem Quäntchen wiedererlangtem Freiraum folgte das Einsinken des geschafften Meilensteins ins Bewusstsein und damit auch ein Quäntchen Traurigkeit. Das Aufwachsen der eigenen Kinder ist ein langsames, konstantes Loslassen. Das letzte Mal an der Brust trinken, das letzte Mal die Kleinen an der Hüfte herumtragen, das letzte Mal ein «Schoggi­mul» putzen. Das letzte Mal beim Haarewaschen helfen. Das letzte Mal Kitzelkampf oder Kissenschlacht. Glücklicherweise sind wir uns auf der Bühne des Alltags dieser letzten Male nicht bewusst. Wir singen das letzte Mal nach einem Sturz ein «Heile, heile Säge» ohne Traurigkeit.

Erst wenn man zurückschaut, merkt man plötzlich, dass man wieder ein Stück weniger gebraucht wird. Und man fühlt diesen kleinen vertrauten Stich, der einen durch das Elternsein begleitet und der allmählich vorbereitet für ein weitaus grösseres Loslassen.

 

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