Der späte Dialog
Salzkorn

Am 8. November eröffnet das Stapferhaus seine neue Ausstellung «Sicherheit – ein Risiko?» Ich freue mich sehr darauf. Zumal ich selbst mit der Ausbildung der dialogischen Vermittler:innen einen kleinen Beitrag zum Gelingen dieser Ausstellung beitragen darf.
Den gleichen Auftrag hatte ich vor einiger Zeit im Berner Generationenhaus. Dort schulte ich 25 Gastgeber:innen für die Ausstellung «forever young». Nach dem Workshop trat ein Mann auf mich zu. Fast 80 Jahre alt, zögerlich, aber mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die mich sofort aufhorchen liess.
Er umfasste meine Schulter, als müsste er sich festhalten, und sagte: «Ich war mein ganzes Berufsleben Instruktor bei der Armee. Streng. Hart. Korrekt. Es war meine Pflicht.» Dann stockte er. «Aber ich war nie so. Ich musste so sein.» Und plötzlich sprudelte es aus ihm heraus: Wie viel Kraft es ihn gekostet hatte, dieser Rolle zu genügen. Wie sehr er sich selbst dabei aus den Augen verloren hatte. Wie gut es ihm heute tue, als freiwilliger Gastgeber einfach neugierig sein zu dürfen. Offen. Freundlich. Dialogbereit. Menschlich. Peter – nennen wir ihn so – berührte mich tief. Weil er in wenigen Sätzen das formulierte, worum es im Kern doch immer geht: nicht einfach recht zu haben, sondern zuzuhören. Nicht zu dominieren, sondern zu begegnen. Nicht im Auftrag zu funktionieren, sondern aus Überzeugung zu handeln. Ich fragte mich später: Wie viele Menschen gibt es wohl, die ihr Leben lang eine Rolle erfüllen, die ihnen nicht entspricht? Die Härte zeigen, wo sie eigentlich Wärme empfinden. Die Distanz wahren, obwohl sie sich Nähe wünschen. Ich hoffe, dass viele wie Peter den Mut finden, ihr eigentliches Wesen zu leben. Und dass wir als Gesellschaft Räume schaffen, in denen man nicht stark sein muss, sondern einfach sein darf.
Diese wunderbare Geschichte werde ich möglicherweise den neuen Vermittler:innen im Stapferhaus erzählen. Wenn nicht, so habe ich sie hier an dieser Stelle erzählt.



