Achtsamkeit

«Weisheit», «Tapferkeit», «Besonnenheit» und «Gerechtigkeit» sind die vier Kardinaltugenden von Platon. Würde der griechische Philosoph heute leben, käme vielleicht noch «Achtsamkeit» als fünfte dazu. Die ursprünglich im Buddhismus verortete Bewusstseinsqualität wanderte über die Psychotherapie in unseren Kulturraum ein und erlebte in der jüngeren Zeit einen wahren Boom. Im Gleichschritt mit ihrer inflationären Durchdringung verbreiterte sich auch die Interpretations- und Definitionspalette der Achtsamkeit: Das Spektrum reicht von der banalen Sicherheitsmaxime für Autofahrer über allgemeine Geistesgegenwart bis hin zum esoterisch angehauchten, universellen Lebensberatungs- und Geschäftsmodell.

Die schönsten und wertvollsten Achtsamkeiten sind jedoch jene, die nicht zelebriert, kultiviert oder kommerzialisiert, sondern im Alltag einfach gelebt werden. Wie das Beispiel, das eine Familie kürzlich mit ihrer in Lenzburg wohnenden, hochbetagten Mutter erlebte. Sie geht jeden Freitag pünktlich um 13 Uhr zum Coiffeur, den kurzen Weg von ihrer Wohnung zur Abzweigung Aavorstadt/Burghalde mit dem Rollator bewältigend. Als sie kürzlich eines Freitags um 13 Uhr nicht auftauchte, wurde dies im besagten Salon nicht einfach schulterzuckend und zur Tagesordnung übergehend zur Kenntnis genommen.

Die langjährige «persönliche» Coiffeuse machte sich grosse Sorgen um ihre betagte Stammkundin: Zuerst erfolgte ein (erfolgloser) Versuch einer telefonischen Kontaktaufnahme mit der Seniorin, dann mit ihrer Tochter und mit der Schwiegertochter. Letztere konnte schliesslich den Sachverhalt vor Ort klären («Fernsehschlaf») und die Schwiegermutter, wenn auch mit etwas Verspätung, zum Coiffeur begleiten. Eine kleine Geschichte (k)einer Selbstverständlichkeit – aber vor allem ein gross(artig)es Beispiel von Achtsamkeit als gelebte Tugend.

Peter Buri

Peter Buri

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