Palliative Care als Lebensbegleitung
Spitex Anlässlich des Tages der Pflege und Betreuung am 29. Oktober sowie des nationalen Tages der betreuenden Angehörigen gibt die Palliative Spitex Lenzburg Einblick in ihre Arbeit.

Die allgemeine Palliativpflege ist ein Kernauftrag der Spitex und gehört zur medizinischen Grundversorgung. Seit bald zehn Jahren bietet Spitex Aargau ausserdem spezialisierte Palliative Care zu Hause an. Die Spitex Region Lenzburg ist eines der spezialisierten Palliative-Care-Zentren der Schweiz. Die Organisation stellt die Pflege und die Betreuung zu Hause im Einzugsgebiet von 130 000 Einwohnenden sicher und ist für acht weitere Spitex-Organisationen mit besagten Dienstleistungen unterwegs.
Sobald die Diagnose gestellt wird, dass der Betroffene chronisch unheilbar krank ist – sei das bei instabilen Krankheitssituationen oder bei komplexen Behandlungen –, kann die Palliative Spitex hinzugezogen werden. Daniel Lukic, Vorsitzender der Geschäftsleitung, betont, dass das nicht nur alte Menschen betreffe. Auch junge Menschen können sich aufgrund eines Leidens bereits am Ende des Lebens befinden. Lukic sagt: «Das Lebensende ist ein Thema, dem wir oft ausweichen. Dabei gehören Sterben und Abschiednehmen zum Leben. Palliative Care begleitet Menschen in dieser Zeit und stellt ihre Bedürfnisse, ihre Wünsche und ihre Würde in den Mittelpunkt.»
Wichtig: Frühzeitig informieren
«Unsere Aufgabe als Spitex ist es, den Menschen das Leben im letzten Lebensabschnitt in ihrem vertrauten Umfeld zu ermöglichen – umgeben von ihren Liebsten», so Lukic. «Das ist der grösste Nutzen von dem, was wir tun.» Statistisch gesehen sterben viele Menschen im Spital und ohne eine vertraute Person. Wichtig sei eine frühzeitige Einbindung der Palliative Spitex. Ein Kennenlerngespräch wird bereits dann empfohlen, wenn der Leidensdruck noch nicht ausgeprägt ist. Gemeinsam mit den Betroffenen kann eine Patientenverfügung erstellt werden. Auch eine Anmeldung in ein Hospiz kann auf Wunsch bereits getätigt werden. Weiter wird ein Massnahmenplan erstellt und das Umfeld unterstützt.
Neben der Patientenverfügung gibt es seit einem Jahr die Möglichkeit für eine Bestattungsverfügung. Dort wird die Trauerfeier besprochen und, wenn gewollt, bereits organisiert. Christine Hämmerli, Fachverantwortliche für spezialisierte Palliative Care in Lenzburg, erzählt von der Begleitung eines Mannes, der leidenschaftlich segelte. Auf Wunsch organisierte sie, dass er mit seinen Flipflops und dem Anker in der Hand im Sarg liegen konnte.
«Wir machen Lebensbegleitung»
Derzeit bekommt die Palliative Care laut Hämmerli wöchentlich drei bis fünf Neuanmeldungen. Das Team konzentriert sich nicht auf das Sterben, sondern vertritt die Haltung: «Wir machen Lebensbegleitung.» Sie geben dem Leben in den letzten Tagen besonders viel Raum. Das fünfköpfige Team berät und begleitet Betroffene und ihre Angehörigen, unterstützt bei der Einrichtung des häuslichen Pflegeumfelds und übernimmt medizinische sowie medikamentöse Massnahmen. Die Betreuung ist ganzheitlich: von pflegerischen, medizinischen und beratenden bis zu spirituellen Angeboten. Auf dem letzten Lebensweg stehen Betroffenen neben der Palliative Spitex weitere Angebote offen: Seelsorge, Trauerbegleitung und der Verein Hörschatz, der Sprachnotizen für Hinterbliebene aufnimmt. Die spezialisierte Palliative Care wird unterstützt durch das psychiatrische und somatische Team. So können die Betroffenen möglichst schmerzfrei und symptomarm zu Hause bleiben. Diese Form der Begleitung sei laut Lukic in vielen Fällen die kostengünstigste Lösung und ermögliche zugleich einen würdevollen Abschied. «Mit wenigen Einsatzstunden können die Teams enorm viel bewirken.»
Entscheidungsbegleitung beim Sterbewunsch
Die Hilfe der spezialisierten Palliative Care nehmen auch Menschen mit starken Schmerzen und einem Sterbewunsch in Anspruch. In Form von Entscheidungsbegleitung berät das Team rund ums Thema Sterbefasten. Der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit leite einen Vorgang ein, der den Sterbeprozess durch Austrocknen des Körpers beschleunige. Der Körper stelle so langsam seine Funktionen ein. Hämmerli erklärt, dass sich dabei Schritt für Schritt das Bewusstsein verändere. Diesen Zustand beschreibt sie als leises Hinwegdämmern. In dieser Zeit würden sich die Menschen in einer Art Zwischenwelt bewegen. Betroffene können sogenannte visuelle Halluzinationen erleben und bereits Verstorbene zu sehen glauben. Während dieses Sterbeprozesses ist es wichtig, die Angehörigen zu begleiten und ihnen die Angst zu nehmen.
Verschiedene Phasen und andere Pläne
Es gibt verschiedene Phasen des Sterbens. Die längste Dauer, über die Hämmerli einen Menschen begleitet hat, umfasste dreieinhalb Jahre. Während der guten Phasen klinkte sich die Palliative Care aus und hängte sich in den Zeiten, in denen es sie brauchte, wieder ein. Wenn sich ein Mensch für die Palliative Spitex entscheidet, steht es ihm weiterhin frei, sich auf seinem Weg doch noch für das Spital oder eine andere Institution zu entscheiden. Hämmerli betont: «Pläne und Wünsche dürfen sich bis zum Lebensende ändern.»
Seit dem 27. Oktober und bis zum 31. Oktober findet im Stadtmuseum Aarau die Veranstaltungsreihe der Palliative Aargau unter dem Motto «Endlich Antworten» statt. Die Fachpersonen der Palliative Spitex Lenzburg werden an den Themenabenden vor Ort sein und an einem Stand Fragen beantworten.



