Ein Weihnachtsfest mitbesonderem Twist
Theater Am 30. Oktober feiert der Spielclub Lenzburg mit dem Stück «Familie und andere Geschenke» Premiere. Das Müllerhaus bietet dafür die passende Kulisse – und das nicht nur in einem Raum.

Die Probe zu «Familie und andere Geschenke» läuft: Evelyne prüft noch einmal den festlich gedeckten Esstisch. Auf dem Sofa sitzen ein wenig angespannt ihre Schwester Sandra und Marie, Expartnerin des Bruders Stéphan. Die drei warten auf die weiteren Gäste. Endlich taucht Sandras Tochter Miri auf. Nach herzlichen Umarmungen verschwindet sie, schliesslich soll sie am Heiligabend der Familie etwas auf der Geige vorspielen. Sandra sieht sich in die Küche verfrachtet: Sie soll Guetsli backen. Unzufrieden resümiert sie über Frauenbilder in der Gesellschaft und ihrer Familie. Zwischendurch marschiert Stéphan wichtig telefonierend durch das Bild. «Wahrscheinlich rettet er gerade wieder die Welt», merkt Sandra trocken an. Ein gelungener Auftakt für ein harmonisches Weihnachtsfest.
Evelyne hat die Eltern bis zu deren Tod gepflegt und wohnt nun im Elternhaus. Zum ersten Weihnachtsfest ohne die Eltern hat sie ihre drei jüngeren Geschwister und natürlich Nichte Miri eingeladen. Der Vollständigkeit halber dürfen die Partnerinnen der Geschwister nicht fehlen, egal ob aktuell oder ehemalig. Ob das so eine gute Idee für ein gemütliches Fest ist, wird sich noch zeigen. Chantal, die Partnerin von Evelynes Schwester Cosima, scheint jedenfalls von einem Gewissenskonflikt geplagt zu sein. Damit ist sie an diesem Abend nicht allein.
Das Stück gemeinsam entwickeln
Im Rahmen des Landschaftstheaters Lenzburg, das alle drei Jahre eine Grossproduktion auf die Bühne bringt, lädt der Spielclub zu kleineren Inszenierungen ein. Rafael Enzler, Vorstandspräsident des Landschaftstheaters, erklärt: «Die Gruppe hat das Stück zusammen mit der Theaterpädagogin Sylvie Vieli über mehrere Monate entwickelt.» Schon beim Zuschauen an der Probe wird deutlich: Das ist nicht der klassische Theaterabend mit einem festen Platz und Blick auf das Bühnengeschehen. Die Darstellenden bewegen sich aus dem Wohnbereich hinaus und fordern die Zuschauenden auf, ihnen zu folgen. Und hier kommt ein spezieller Twist zum Tragen. Dazu führt Sylvie Vieli aus: «Am Einlass werden die Besuchenden in drei Gruppen aufgeteilt.» Während des Stücks fordern die Schauspielenden jeweils eine Gruppe auf, ihnen zu einer weiteren Szene in einem der vier Räume zu folgen. «Durch diese Splits erhält das Publikum Einblick in einige Perspektiven – aber nicht über das gesamte Geschehen», erklärt die Theaterpädagogin. Zusätzlich kämen Szenen mit dem gesamten Ensemble hinzu.
Über den Entstehungsprozess sagt Vieli: «Zunächst ging es über das Thema Vernetzungen hin zu Familien.» Es folgte die Entwicklung der einzelnen Figuren, Verbindungen und Konflikte. «Ab August habe ich daraus das Stück geschrieben.» Ihr Anspruch und zugleich eine gewisse Herausforderung sei, die einzelnen Figuren zwar als Typen zu zeigen, aber nicht als Karikaturen. «Keiner der Charaktere wird vorgeführt», betont Sylvie Vieli.
An fünf Abenden können jeweils 40 Zuschauende miterleben, welche Reibereien und Versöhnungen «Familie und andere Geschenke» bereithält. Besonders glücklich ist der Spielclub über die schöne Zusammenarbeit mit dem Müllerhaus. «Hier zu spielen, ist wunderbar», findet die Theaterpädagogin. Wenige Tage vor der ersten Aufführung sei die Stimmung gut, sagt Sylvie Vieli: «Die Vorfreude auf die Premiere ist gross.»
Die Vorstellungen finden am 30. Oktober sowie am 1., 5., 6. und 7. November statt. Weitere Informationen und Tickets unter www.landschaftstheater.ch



