Historische Verkehrswege im Lenzburger Wald
Burghalde-Stammtisch Seit vier Jahren organisiert das Museum Burghalde in Kooperation mit den Forstdiensten Lenzia während des Sommerhalbjahres einen Stammtisch – ein hüfthohes Stammstück eines abgestorbenen Baumriesen. War er anfangs im gesamten Schatzkammergebiet unterwegs, findet er nun immer beim Römerstein statt.
Am letzten Stammtisch vom Donnerstag, 18. Juni, führte der Niederlenzer Willi Bürgi, der das gesamte Lenzia-Waldgebiet bestens kennt, die rund 30 Anwesenden auf eine Zeitreise weit zurück ins Jahr 1476. Die Stadt Lenzburg hatte gerade mal seit 170 Jahren das Stadtrecht und stand erst 61 Jahre unter der Berner Herrschaft und Petermann vom Stein war damals schon der 11. Vogt als Verwalter auf Schloss Lenzburg.
Über den Platz «am Stalden» in die Schlacht bei Murten
In seiner Zeitreise ging Bürgi kurz auf den Römerstein ein, der schon damals da lag und erst noch rund einen Drittel grösser war. Dann hielt er plötzlich die Hand an sein Ohr. «Hört ihr diesen Lärm auch, was ist das?», fragte er in die Runde. Ein komisches Geräusch kam aus nördlicher Richtung, da, wo heute die Autobahn Zürich–Bern verläuft. Bürgi verfiel weit in die Vergangenheit zurück, es dürfte der 18. Juni 1476 sein. Rund 2000 Zürcher Infanteristen marschieren durch den Wald, jeder bewaffnet mit einer Hellebarde oder einem Langspiess. Sie sind auf dem Weg nach Murten, wo sie in drei Tagen, am 22. Juni 1476 als Verstärkung mit den Eidgenossen in die Schlacht von Murten gegen das Heer von Karl dem Kühnen eingreifen werden. «Jetzt stellt euch noch vor», sinnierte er weiter, «2000 Eidgenossen schreiten über den Niederlenzer Dorfplatz. Wie hat man das damals wohl empfunden?»
Weg von Zürich nach Bern
Der damalige Weg von Zürich nach Murten führte über Lenzburg – Aarau – Solothurn – Bern. Apropos Lenzburg: Die Strecke führte nördlich an Lenzburg vorbei vom Reuss- und Bünztal hinauf auf die Lindwaldebene und Richtung Niederlenz auf dem heutigen Alten Zürichweg steil hinab zur Aa (heute Aabach). Unten am Bach führte die einzige «steininen Bruggen» hinüber auf den Platz «am Stalden» und über den «Stalden» – die alten Bezeichnungen für Dorfplatz und Dorfrain – hinauf durchs Länzertfeld in den Lenzhardwald und auf dem Robischwylerweg nach Rupperswil. Die Stadt Lenzburg liessen die Zürcher Soldaten also links liegen, aber dass Lenzburg dennoch an der alten Hauptstrasse durch die Schweiz lag, bezeugt die Tatsache, dass die Stadt seit Mitte des 14. Jahrhunderts das Recht besass, auf den Durchgangsverkehr über den Zürichweg einen Zoll zu erheben. Da die Stadt aber mit dem «Alten Zürichweg» umgangen wurde, erhielt sie das Privileg, den Zoll in Rupperswil einzuziehen.
Hauptverkehrsweg «Alter Zürichweg»
Der «Alte Zürichweg» ist ein uralter Hauptverkehrsweg, erstmals mit diesem Namen im Jahre 1510 erwähnt. Der Weg ist aber viel älter und war vor allem vom 13. bis ins 15 Jahrhundert die wichtigste Hauptroute im Ost-West-Verkehr durch das Land. Wer von Bern in Richtung Zürich oder auch nach Lenzburg wollte, musste in Niederlenz über den Dorfplatz und über den Aabach. Der «Alte Zürichweg» war trotz der damaligen grossen Bedeutung keine Strasse im heutigen Sinn. Er führte hinauf aufs Altfeld und durch den Wald in Richtung Othmarsingen. Im steilen Bereich ist die heutige Strasse im Volksmund als «Söihübel» bekannt, vielleicht darum, weil die historische Route «söimässig» schwer zu befahren war. Rund 100 Meter nach dem Waldeingang im Gebiet Winkel steht eine Tafel mit vielen Informationen und dort zweigt die alte Hauptstrasse als schmaler Fussweg von der heutigen Waldstrasse ab. Eine «richtige», befestigte Strasse war der historische «Alte Zürichweg» nie. Solche gab es viel früher, zu Römerzeiten, aber nach deren Abzug zerfiel ihr Strassennetz. Ähnliches drohte auch dem «Alten Zürichweg». Erst in der heutigen Zeit wird er durch die Forstdienste Lenzia wieder so unterhalten, dass er für Fussgänger begehbar bleibt und so auch künftige Generationen an die frühere Bedeutung erinnert. Durch das Waldgebiet von Lenzia führen noch viele weitere wichtige historische Verkehrswege, teils ganz alte Verbindungen aus Römerzeiten und auch regionale Wege, allerdings keine von nationaler Bedeutung wie der «Alte Zürichweg». Am Stammtisch erläuterte Stadtoberförster Matthias Ott die drei regional wichtigen Verkehrswege über den Lenzburger Berg nach Egliswil und ins Seetal, denn bis in die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts führten teils andere Wege in diese Region, wie wir sie heute kennen.
Bei einem Umtrunk und mit frisch gepflückten Kirschen wurde auch dieser Stammtisch einmal mehr zu einem geschichtlich inforeichen Anlass.
Der nächste Stammtisch: Ein Requiem auf die Fichte. Referent: Forstwart Thomas Waltenspühl bei der Waldhütte Römerstein am 17. September, 18.15 Uhr. Bei jeder Witterung, ohne Anmeldung, kostenlos.







