Jedes Lebensmittel zählt

Seengen Am 1. Oktober startet der öffentliche Kühlschrank «Madame Frigo Seengen». Das Pilotprojekt setzt sich für weniger Lebensmittelverschwendung und mehr Miteinander ein.

Ab Oktober: So präsentiert sich der Kühlschrank Madame Frigo.Foto: Debora Hugentobler
Ab Oktober: So präsentiert sich der Kühlschrank Madame Frigo.Foto: Debora Hugentobler

Durch ihre Arbeit auf dem Eichberg kam Katharina Wengenmaier-Frey immer wieder mit Gemüse aus Überproduktion in Kontakt. Auf ihrer Suche nach einer sinnvollen Weiterverwendung entstand die Idee eines öffentlichen Kühlschranks. Dabei stiess sie auf das Konzept des Vereins Madame Frigo. Für sie war klar: Der Kühlschrank soll mitten im Dorf und unter den Menschen stehen. Als Standort bot sich die Kirchenmauer in Seengen an. Die reformierte Kirche Seengen unterstützt das Projekt, indem sie den Platz sowie Strom und Abwartsleistungen zur Verfügung stellt. Pfarrerin Katharina Thieme wirkt bei der Umsetzung des Projekts mit. Auch lokale Unternehmen wie VOI, Volg und Bio Expert haben bereits zugesagt, überschüssige Ware in den Kühlschrank zu stellen. Der grösste Teil der Lebensmittel soll jedoch aus der Bevölkerung selbst kommen.

Ein Häuschen, viele Möglichkeiten

Das gelbe Standardhäuschen, das der Verein Madame Frigo üblicherweise zur Verfügung stellt, wurde in der denkmalgeschützten Zone nicht bewilligt. Deshalb musste ein massgeschneidertes Häuschen her, dessen Finanzierung über ein Crowdfunding zustande kam. Im Sommer bauten ein ehemaliger Konfirmand von Katharina Thieme und sein Vater das Häuschen. Weil es etwas grösser ausfiel, bietet es neben dem Kühlschrank zusätzlichen Stauraum auf Regalen – beispielsweise für Brot. Weitere Nutzungsmöglichkeiten hat Wengenmaier-Frey für die Zukunft geplant. Derzeit klärt sie ab, ob unter Berücksichtigung der Hygienevorschriften künftig weitere Tauschmöglichkeiten, zum Beipiel mit Kleidern oder Büchern, machbar sind.

Grosses Interesse und klare Regeln

Das Interesse am Projekt ist gross – genügend Helfer aus dem Dorf konnten schnell gefunden werden. Das fünfköpfige Helferteam ist für mindestens drei Kontrollgänge pro Woche zuständig. Dabei gelten klare Regeln: Hygiene und Sauberkeit müssen jederzeit gewährleistet sein. Erlaubt sind Obst und Gemüse, Brot, alkoholfreie Getränke sowie verschlossene Produkte. Nicht in den Kühlschrank gehören hingegen Fleisch und Fisch, Alkohol, gekochte Lebensmittel oder bereits geöffnete Produkte.

Aufruf zum Mitmachen

Der öffentliche Kühlschrank richtet sich an alle: an Menschen, die bewusst etwas gegen Food-Waste unternehmen möchten, ebenso an Personen, die über die kostenlose Weitergabe von Lebensmitteln finanziell entlastet werden können. Eine Hemmschwelle beim Befüllen oder Bedienen soll es nicht geben. «Wenn der Kühlschrank einmal leer steht, ist das ein gutes Zeichen», sagt Wengenmaier-Frey. Bei den Kontrollgängen wird das Helferteam den Zustand des Kühlschranks fotografisch festhalten, um die Nutzung zu vergleichen. «Madame Frigo Seengen» ist zunächst als einjähriges Pilotprojekt angelegt. In dieser Zeit soll sich zeigen, wie gross das Bedürfnis in der Bevölkerung ist. «Ich denke, dass es gut genützt werden wird, und freue mich aufs Mitmachen der Bevölkerung», sagt Wengenmaier-Frey.

«Ich bin gespannt auf den Anklang»

Die letzten baulichen Details und operativen Vorbereitungen laufen derzeit noch. Von der ersten Idee bis zur Eröffnung ist ein gutes Jahr vergangen. Nun steht der Startschuss bevor: Ab dem 1. Oktober ist der Kühlschrank für die Bevölkerung zugänglich. «Ich bin gespannt auf den Anklang», sagt Wengenmaier-Frey. «Es ist eine Blackbox, das macht es spannend.» Bezüglich Vandalismus mache sie sich zurzeit keine Gedanken. Sie geht das Projekt optimistisch an: «Wenn man sich von der Angst bremsen lässt, kann man so etwas nicht machen.» Wengenmaier-Frey hofft, dass die freiwillige Arbeit gewürdigt wird.

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