Wenn ein Kaninchen plötzlich viral geht

Niederlenz Mit «Hera voll viral» legt die Niederlenzer Autorin Mirjam Wicki ihr erstes Jugendbuch vor. Darin verbindet sie artgerechte Tierhaltung mit Freundschaft, Social Media und dem Druck, dazugehören zu wollen. Entstanden ist eine kurze Geschichte mit einer klaren Botschaft: Entscheidungen können etwas bewirken.

Mirjam Wicki mit ihrem neuen Jugendbuch «Hera voll viral» – und einem passenden tierischen Begleiter im Hintergrund.Foto: Romi Schmid
Mirjam Wicki mit ihrem neuen Jugendbuch «Hera voll viral» – und einem passenden tierischen Begleiter im Hintergrund.Foto: Romi Schmid

Hera ist weg. Mit dieser Nachricht beginnt die Geschichte, die Mirjam Wicki in ihrem neuen Jugendbuch erzählt. Hera ist ein flauschiges weisses Kaninchen und gehört der besten Freundin der Hauptfigur Doro. Aus seinem Verschwinden entwickelt sich nach und nach weit mehr als die Suche nach einem Haustier. Denn Hera wird im Verlauf der Geschichte zum Social-Media-Phänomen. Damit verbindet Mirjam Wicki zwei Themen, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben: artgerechte Tierhaltung und die digitale Lebenswelt von Jugendlichen.

Die Idee zu einer Geschichte über artgerechte Kaninchenhaltung trug Mirjam Wicki schon länger mit sich herum. Ursprünglich hatte sie dabei eher an ein Kinderbuch gedacht. Die Richtung änderte sich, als der DaBux-Verlag auf sie zukam und fragte, ob sie ein Jugendbuch schreiben wolle. Das Konzept des Verlags, kurze und spannende Geschichten für Jugendliche zu veröffentlichen, überzeugte sie sofort. «Deshalb musste ich nicht lange überlegen und habe sofort zugesagt», sagt Mirjam Wicki.

Für Mirjam Wicki war klar, dass die Tierhaltung nicht isoliert im Mittelpunkt stehen sollte. «Es war mir wichtig, das Thema ‹artgerechte Tierhaltung› in eine Geschichte zu packen, die für Teenagerinnen und Teenager interessant ist und ihre Lebensrealität spiegelt.» Freundschaft und soziale Medien hätten sich daraus beinahe von selbst ergeben.

Zwischen Likes und echtem Leben

Social Media gehört für Mirjam Wicki weder eindeutig auf die gute noch auf die schlechte Seite. Sie selbst nutzt verschiedene Plattformen und schätzt die Möglichkeiten zur Vernetzung. Gleichzeitig kennt sie deren Schattenseiten. «Das Suchtpotenzial ist riesig, genauso wie die Gefahr, die Kontrolle über die eigenen Inhalte zu verlieren», sagt Mirjam Wicki. Auch Erwachsene seien davon nicht ausgenommen. Sie selbst verbringe ebenfalls immer wieder zu viel Zeit im Internet oder bekomme Inhalte angezeigt, die ihr nicht guttäten.

Diese Ambivalenz findet sich ausserdem im Buch wieder. Doro und ihre Freundin Amina gehen grundsätzlich kompetent mit sozialen Medien um. Doch einige Posts lösen Eifersucht und unangenehme Gefühle aus. Als Hera schliesslich viral geht, verlieren die beiden zunehmend die Kontrolle über das, was online geschieht. Die Probleme lassen sich letztlich nicht mit einem weiteren Post lösen, sondern nur ausserhalb der sozialen Medien.

Besonders deutlich wird der Druck in einer scheinbar kleinen Szene. Doro likt automatisch ein Tiktok ihrer Freundin – nicht, weil sie es besonders gut findet, sondern weil sie das Gefühl hat, sonst nicht dazuzugehören. Auch ihr Kommentar entspricht weniger ihrer eigenen Meinung als dem, was von ihr erwartet wird. Für Mirjam Wicki beginnt genau dort die problematische Seite: «Ich glaube, der Druck fängt da an, wo wir nicht mehr überlegen, was uns wichtig ist, sondern wie wir ‹richtig› wirken.»

Trotzdem will Mirjam Wicki soziale Medien nicht verteufeln. Ihre zentrale Botschaft liegt vielmehr ausserhalb des Bildschirms. «Der interessanteste und schönste Teil des Lebens findet nicht auf Social Media statt, sondern dann, wenn wir einander direkt begegnen.»

Eine Freundschaft gerät ins Wanken

Neben Hera und Social Media steht vor allem die Freundschaft zwischen Doro und Amina im Zentrum. Interessen und Prioritäten können sich verändern, neue Menschen treten ins Leben, bestehende Beziehungen verschieben sich. Gerade bei Jugendlichen, die mitten in einer Entwicklungsphase steckten, könne das besonders stark ins Gewicht fallen, sagt Mirjam Wicki. Eifersucht, Unsicherheit und unausgesprochene Gefühle könnten eine Freundschaft zusätzlich belasten.

Mit Doro hat Mirjam Wicki eine Figur geschaffen, die ihr selbst besonders nahegekommen ist. «Ich mag ihre Resilienz, ihre Feinfühligkeit, ihren Humor und den Trotz, mit dem sie manchen Situationen begegnet», sagt Mirjam Wicki.

Die richtige Stimme für ihre junge Hauptfigur zu finden, war allerdings nicht ganz einfach. Bei ihren bisherigen Romanen für Erwachsene sei ihr dieser Schritt schneller gelungen. Bei Doro dauerte es länger, bis Mirjam Wicki genau wusste, wie sie spricht, worüber sie nachdenkt und was ihr wichtig ist.

Geholfen habe ihr dabei ihr Beruf als Lehrerin. Zwar unterrichtet Mirjam Wicki derzeit Kinder, die jünger sind als die Figuren in «Hera voll viral», doch durch ihren Beruf habe sie Kontakte zu Jugendlichen und wisse, welche Themen die Schulen gerade beschäftigten. Auch «die eine oder andere Pausenplatzbeobachtung» sei in die Geschichte eingeflossen.

Kürzen bis zur Essenz

Eine weitere Herausforderung war die Kürze des Buches. Der DaBux-Verlag arbeitet bewusst mit kurzen Jugendbüchern, entsprechend klar war die Zeichenvorgabe. Mirjam Wickis erste Fassung war jedoch deutlich zu lang. Szenen mussten gestrichen, andere zusammengelegt werden. Schliesslich schickte Mirjam Wicki dem Verlag ein immer noch zu umfangreiches Manuskript – verbunden mit der Bitte, beim Kürzen zu helfen.

Im Lektorat wurde weiter reduziert. Rückblickend war gerade dieser Prozess für Mirjam Wicki besonders lehrreich. «Vereinfachen und reduzieren, bis wirklich die Essenz der Geschichte da ist», beschreibt sie die Arbeit. Heute sei sie überzeugt, dass der Geschichte nichts fehle. Im Gegenteil: Die kürzere Fassung lese sich runder als die längeren Anfangsversionen. Diese Erfahrung wolle sie auch in ihre nächsten Projekte mitnehmen.Dass die Zusammenarbeit mit dem Verlag überhaupt zustande kam, passt dabei beinahe zum Thema des Buches. Mirjam Wicki lernte Alice Gabathuler, die zum Verlegertrio des DaBux-Verlags gehört, vor einigen Jahren über Social Media kennen. Beide lasen Bücher der jeweils anderen, später trafen sie sich persönlich. Vor zwei Jahren fragte Gabathuler Mirjam Wicki schliesslich, ob sie Lust auf eine Zusammenarbeit mit dem Verlag hätte. «So viel zu den schönen Seiten der sozialen Medien!», sagt Mirjam Wicki.

Drei Wochen in Schweden

Neue Geschichten entstanden diesen Sommer auch weit weg vom Alltag. Dank eines Dienstaltergeschenks standen Mirjam Wicki vier zusätzliche Ferienwochen zur Verfügung. Eigentlich wollte sie nur eine davon fürs Schreiben einsetzen. Dann entdeckte sie das Anwesen Åboholm in Schweden, das von einem Schweizer Autorenpaar geführt wird. Die Mischung aus Natur, Ruhe, Gemeinschaft und Kreativität überzeugte Mirjam Wicki so sehr, dass sie gleich drei Wochen buchte. Untergebracht war sie in einem klassischen roten schwedischen Ferienhäuschen am See, mitten auf einer Waldlichtung. Das Häuschen trägt den Namen ihrer Lieblingsautorin Astrid Lindgren. Mirjam Wicki schrieb und las, häkelte, wanderte, fuhr Velo und verbrachte jeden Tag Zeit am und im See. Die Wochen hätten ihr vor allem Ruhe und Klarheit gebracht – über ihr Schreiben, ihren Alltag und darüber, was ihr im Leben wichtig sei. «Ich habe danach weder mein Leben noch meinen Alltag umgekrempelt, aber ich gehe alles ruhiger an als vor der Auszeit.»

In Schweden arbeitete Mirjam Wicki intensiv an einem neuen Manuskript. Fertig ist es noch nicht, und sie lässt sich bewusst Zeit damit. Konkrete Pläne, wo es später erscheinen könnte, gibt es derzeit keine. Zusätzlich führte sie während ihres Aufenthalts täglich ein Reisetagebuch und veröffentlichte dieses auf ihrem Blog. Was als Spassprojekt begann, brachte ihr zahlreiche positive Rückmeldungen. Vor allem habe Schweden Mirjam Wicki gezeigt, wie wertvoll es sei, richtig viel Zeit zum Schreiben zu haben. Gleichzeitig gehe sie heute gelassener damit um, wenn im Schul- und Familienalltag weniger Raum dafür bleibe, als sie sich wünschen würde.

Bei «Hera voll viral» hofft Mirjam Wicki nun vor allem, dass bei den jungen Leserinnen und Lesern etwas über die Geschichte hinaus hängen bleibt: «Ich wünsche mir, dass sie daran glauben, dass ihre Entscheidungen einen Unterschied machen können.» Für sich selbst, für Menschen, die ihnen wichtig sind – oder eben für ein kleines weisses Kaninchen namens Hera. Das Buch ist erhältlich unter www.dabux.ch.

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