Von Holderbank in eine andere Welt

Holderbank Der Debütroman «Das Vermächtnis von Astaba» ist in der Stille entstanden – fernab von einer lauten, pulsierenden Metropole. In Holderbank fand Autorin Vanessa Glässel Basso den Raum, den es brauchte, um eine Geschichte über innere Wahrheit, Licht und Dunkelheit und die Suche nach Identität zu erzählen.

Hat ihren Debütroman veröffentlicht: Die Holderbankerin Vanessa Glässel Basso.Foto: zvg
Hat ihren Debütroman veröffentlicht: Die Holderbankerin Vanessa Glässel Basso.Foto: zvg

Der Debütroman «Das Vermächtnis von Astaba» setzt dort an, wo der äussere Lärm verstummt. Auch sein Entstehungsprozess nahm hier seinen Anfang – nicht in einer lauten, pulsierenden, reizüberfluteten Metropole, sondern in der Abwesenheit davon. Seit 13 Jahren lebt die Autorin Vanessa Glässel Basso in Holderbank. Der Wechsel von Zürich dorthin war für sie kein sanfter Übergang, sondern ein Einschnitt.

«Die Stille wirkte beinahe zu laut», sagt sie rückblickend. Was zuvor von äusseren Reizen überlagert wurde, trat plötzlich unverstellt hervor: das Eigene, das Unruhige, das lange Überhörte.

Diese Erfahrung wurde zum Nährboden eines Romans, der sich Zeit nimmt. Zeit für innere Prozesse, für Ambivalenzen, für Fragen ohne schnelle Antworten. «Ich erkannte, dass Stille kein Mangel ist, sondern ein Raum», sagt Glässel Basso. In diesem Raum ist «Das Vermächtnis von Astaba» entstanden – aus dem Lauschen heraus, aus dem Aushalten des Nichtwissens und aus dem Vertrauen darauf, dass Geschichten ihren eigenen Zeitpunkt haben.

Ein innerer Wendepunkt

Im Zentrum des Romans steht Elaya, eine Figur an einem entscheidenden Punkt des Lebens. «Elaya entzieht sich zu Beginn der Geschichte klaren Zuschreibungen, ob Mann oder Frau.», sagt Glässel Basso.

Gleichzeitig sei die Figur ein Teil von ihr selbst und ebenso ein Teil vieler Menschen. Elaya steht an jenem Punkt, an dem man spürt, dass das eigene Leben eine tiefere Wahrheit kennt, als man bislang gelebt hat. Zweifel, innere Unruhe und die Sehnsucht nach Zugehörigkeit prägen diesen Zustand. Dieser innere Umbruch ist leise, aber folgenreich. Er bestimmt den weiteren Weg der Hauptfigur und bildet das emotionale Zentrum des Romans. Die grossen Entscheidungen entstehen nicht aus äusserem Zwang, sondern aus innerer Bewegung.

Andalusien als Resonanzraum

Der Roman führt die Leserinnen und Leser nach Andalusien, an einen realen Schauplatz mit vielschichtiger Geschichte. Vanessa Glässel Basso bereist Spanien seit über 30 Jahren. Das Land begleite sie durch verschiedene Lebensphasen, sagt sie. Für sie ist Spanien ein Spiegel der europäischen Seele mit all ihren Widersprüchen.

Besonders Andalusien empfindet sie als Region mit aussergewöhnlicher spiritueller Dichte. Arabische, jüdische und christliche Einflüsse hätten dort über Jahrhunderte hinweg nebeneinander existiert, sich bereichert, bekämpft, verdrängt und neu geformt. Auch die dunklen Kapitel dieser Geschichte, etwa religiöse Machtkämpfe und die Inquisition, seien bis heute spürbar. Diese Spannung zwischen Spiritualität und Macht bildet einen zentralen Hintergrund von «Das Vermächtnis von Astaba».

Licht, Dunkel und Macht

Im Zentrum der Handlung steht ein uralter Widerstreit: Zwei Bündnisse ringen um Licht und Finsternis. Für die Autorin ist diese Dualität keine einfache Gegenüberstellung von Gut und Böse. «Licht und Dunkelheit gehören untrennbar zusammen», sagt sie. Erst im Zusammenspiel würden sie sichtbar. Jede Entscheidung verschiebe das innere Gleichgewicht – im Menschen wie in der Welt des Romans.

Dieser Konflikt ist bewusst modern gelesen. Glässel Basso versteht ihn als Spiegel aktueller Fragen: nach Identität, nach Verantwortung und nach Deutungshoheit. Wer erzählt die Geschichte? Wer bestimmt, was als Wahrheit gilt? In einer Zeit, in der einfache Antworten verführerisch erscheinen, warnt der Roman vor gefährlichen Vereinfachungen.

Diese Perspektive ist eng mit dem beruflichen Hintergrund der Autorin verbunden. Vanessa Glässel Basso hat in den Bereichen Geschichte, Politik und Rechtswissenschaften gearbeitet. Diese hätten sie gelehrt, Machtstrukturen zu erkennen und Narrative zu hinterfragen. Fantasy sei für sie kein Gegenentwurf zur Realität, sondern deren Verdichtung – eine Möglichkeit, komplexe Zusammenhänge erfahrbar zu machen.

Schreiben mitten im Leben

Neben Analyse und Denken spielen Sinnlichkeit und Körpererfahrung eine zentrale Rolle in ihrem Schreiben. Reisen, Pilgerwege, Kochen und Sprache gehören zu ihren prägenden Erfahrungen. Kochen versteht sie als Ritual und Erinnerung, als Verbindung von Generationen, Orten und Zeiten. «In einem Gericht steckt oft mehr Geschichte als in einem Buch», sagt sie. Gerüche, Texturen und Wärme fliessen direkt in ihr Schreiben ein.

Vanessa Glässel Basso ist Mutter von drei Kindern. Eine strikte Trennung zwischen Leben und Schreiben lehnt sie ab. «Meine Kinder unterbrechen meinen kreativen Prozess nicht, sie sind ein Teil davon», sagt sie. Geschrieben werde in Zwischenräumen – früh am Morgen, spät in der Nacht oder im Kopf. Langsamer vielleicht, aber wahrhaftiger.

An «Das Vermächtnis von Astaba» arbeitete die Autorin von September 2024 bis Oktober 2025. Der Roman ist als Taschenbuch und Hardcover erschienen. Er bildet den Auftakt zu einer Trilogie. Band zwei ist bereits in Arbeit und führt Elayas Weg konsequent weiter.

Was Glässel Basso ihren Leserinnen und Lesern mitgeben möchte, formuliert sie ruhig. In einer Zeit fortschreitender Digitalisierung gehe es darum, den Bezug zum wirklichen Leben nicht zu verlieren. Geschichten, sagt sie, erinnerten daran, dass Menschen mehr sind als Daten, Profile oder Funktionen. Vielleicht ist genau das der Kern ihres Romans – und der Grund, warum seine Geschichte in Holderbank begonnen hat.

«Das Vermächtnis von Astaba» von Vanessa Glässel Basso, erhätllich im Buchhandel.

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