Der freie Mittwochnachmittag gerät unter Druck
Möriken-Wildegg An der Oberstufe in Wildegg wird der traditionelle freie Mittwochnachmittag teilweise abgeschafft. Der Entscheid steht exemplarisch für eine Entwicklung, die im Aargau längst eingesetzt hat – und den Schulalltag spürbar verändert.

Der freie Mittwochnachmittag gerät ins Wanken – auch an der Oberstufe in Wildegg. Ab dem Schuljahr 2026/2027 wird er teilweise abgeschafft. Grund dafür seien organisatorische Herausforderungen: Die Stundenpläne liessen sich zunehmend schwieriger gestalten, unter anderem wegen wachsender Schülerzahlen und steigender Anforderungen an die Stundenplanung.
Die Schulleitung begründet den Schritt damit, dass sich Unterricht, Förderangebote und die Nutzung von Fachräumen künftig besser über die Woche verteilen lassen sollen. Engpässe könnten so entschärft werden. Aus Sicht der Schule ist die Anpassung sowohl organisatorisch als auch pädagogisch die nachhaltigste Lösung – auch wenn sie für viele Familien spürbare Auswirkungen auf die Wochenplanung mit sich bringt. Ein zusätzlicher Auslöser liegt in der Entwicklung der Schule selbst. An der Regionalen Oberstufe Möriken-Wildegg werden heute Jugendliche aus Möriken-Wildegg, Brunegg, Holderbank, Niederlenz und Rupperswil unterrichtet. Mit dem geplanten Ausbau der Oberstufe werden ab 2028 auch Bezirksschülerinnen und -schüler aus dem Schenkenbergertal dazukommen. Die Zahl der Abteilungen wächst damit von heute 16 auf künftig 27.
Parallel dazu wird das bestehende Mehrzweckgebäude ab Sommer 2026 saniert. Diese Bauarbeiten verschärfen die ohnehin angespannte Raumsituation zusätzlich. «Die Sanierung hat den freien Mittwochnachmittag in Bedrängnis gebracht», erklärt Co-Schulleiter Thomas Sager. Was auf den ersten Blick wie ein lokaler Entscheid wirkt, ist bei genauerem Hinsehen Teil einer grösseren Entwicklung. Denn Wildegg steht mit diesem Schritt nicht allein da.
Kein Einzelfall im Aargau
Bereits in Lenzburg wurde der freie Mittwochnachmittag an der Oberstufe vor einigen Jahren aufgegeben. Am Oberstufenzentrum Lenzhard wurde er ab dem Schuljahr 2022/2023 zu einem regulären Schulhalbtag – nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus Platznot. Die vorhandenen Turnhallenkapazitäten reichten ohne eine Anpassung der Stundenpläne nicht mehr aus. Auch im Raum Baden zeigt sich ein ähnliches Bild: In Obersiggenthal wurde der schulfreie Mittwochnachmittag zumindest für Teile der Oberstufe gestrichen. Die Beispiele machen deutlich: Der Mittwoch als fixer freier Nachmittag verliert an Bedeutung – nicht abrupt, sondern schrittweise. Immer mehr Schulen lösen sich von einer Struktur, die lange als selbstverständlich galt. Dabei ist der freie Mittwochnachmittag im Kanton Aargau nicht vorgeschrieben; entscheidend ist vielmehr, dass insgesamt genügend unterrichtsfreie Zeit vorgesehen ist. Wie die Schulwoche konkret organisiert wird, liegt in der Verantwortung der Schulen.
Gleichzeitig hat sich der Schulalltag verändert. Mit dem Lehrplan 21 sind die Inhalte dichter geworden, der Bedarf an Fachräumen und Sportanlagen ist gestiegen, und vielerorts wachsen die Schülerzahlen. Wo früher der Mittwoch als gesetzt galt, wird heute zunehmend flexibler geplant. Gerade in wachsenden Schulzentren wie in Wildegg zeigt sich, wie stark infrastrukturelle Entwicklungen und steigende Schülerzahlen die Stundenplanung beeinflussen.
Für Familien hat das konkrete Folgen. Der Mittwochnachmittag war lange mehr als nur eine organisatorische Konstante: Er bot Raum für Vereinsaktivitäten, Musikunterricht oder schlicht eine Pause in der Wochenmitte. Fällt er weg, verschiebt sich der Rhythmus – und damit oft auch die Koordination im Alltag.
Ob der freie Mittwochnachmittag ganz verschwindet, ist offen. Klar ist jedoch: Das Modell, das über Jahrzehnte Bestand hatte, steht zunehmend unter Druck. Und Wildegg ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sich Schule derzeit verändert – sichtbar an einem Nachmittag, der lange als unantastbar galt.



