Abschied von einer aussergewöhnlichen Schule
Niederlenz Die Sonderschule Niederlenz für ukrainische Kinder und Jugendliche mit Sonderschulbedarf endet diesen Sommer. Was als pragmatische Lösung begann, wurde für viele Familien zu einem wichtigen Ort der Stabilität, Entwicklung und Gemeinschaft.

Als die temporäre Sonderschule in Niederlenz im Frühling 2023 eröffnet wurde, war vieles offen. Das Angebot war für ukrainische Kinder und Jugendliche mit Sonderschulbedarf geschaffen worden, die in der Schweiz Schutz suchten. Es war eine kurzfristige Massnahme, entstanden in einer ausserordentlichen Situation. Nun findet dieses Kapitel seinen Abschluss: Die Schule wird im Sommer geschlossen, die Schülerinnen und Schüler wechseln an andere Sonderschulen, die Mitarbeitenden müssen sich neu orientieren.
«Die Schule wurde vom Departement Bildung, Kultur und Sport initiiert, für Sonderschulkinder mit Schutzstatus S», sagt Johannes Elderhorst, Bereichsleiter Sonderschule Niederlenz, Bereich der Rudolf Steiner Sonderschule Lenzburg. Dieser Schutzstatus sei verlängert worden – und nochmals verlängert. Doch das Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) wolle das Provisorium nicht weiterführen. In einer Stellungnahme hält das BKS fest, die Sonderschule in Niederlenz sei als kurzfristige Massnahme geschaffen worden, um der Situation von Kindern mit einer Beeinträchtigung aus der Ukraine rasch gerecht werden zu können. Aufgrund von Ausnahmeregelungen sei eine einfache und pragmatische Lösung möglich gewesen, die jedoch nicht den rechtlichen Grundlagen des Kantons Aargau und der Schweiz entspreche. Deshalb müssten die Sonderschulplätze nun in eine dauerhafte Lösung überführt werden.
Diese «einfache und pragmatische Lösung» bestand laut Elderhorst darin, dass die Stiftung Rudolf Steiner Sonderschule Lenzburg bereit war, als Trägerschaft zu fungieren – und er selbst als Bereichsleiter einsprang.
Eine Schule wächst zusammen
Ursprünglich war die Schule für zwölf Kinder gedacht. Weil weitere Anmeldungen dazukamen, wurden später 16 und schliesslich 20 Schülerinnen und Schüler bewilligt. Insgesamt haben seit dem Start 25 ukrainische Kinder und Jugendliche die Sonderschule besucht. Für fünf sind schon zwischenzeitliche Lösungen gefunden. Aktuell besuchen noch 20 Kinder und Jugendliche die Schule. Sie werden in fünf Lerngruppen unterrichtet: für kognitiv beeinträchtigte, für mehrfach-beeinträchtigte, stark autistisch sowie zwei Gruppen im sozial-emotionalen Bereich. Neun Lehrpersonen sind von der Schliessung betroffen und müssen sich eine neue Stelle suchen.
Von Anfang an sei klar gewesen, dass die Schule temporär sei, sagt Elderhorst. Dass sie schliesslich dreieinhalb Jahre bestehen durfte, habe dazu geführt, «dass wir eine immer verbundenere Schulgemeinschaft geworden sind». Gerade deshalb ist der Abschied schwierig. Die Kinder besuchten die Schule gerne, fühlten sich wohl, lernten gemeinsam und nähmen mit Freude an Aktivitäten teil. Für viele sei die Schule nicht nur ein Lernort, sondern auch ein wichtiger sozialer Raum geworden, in dem Freundschaften entstanden seien.
Gleichzeitig spürten die Kinder Traurigkeit und Unsicherheit. Einige verstünden noch nicht vollständig, dass sie nach der Schliessung nicht mehr gemeinsam mit ihren Freundinnen und Freunden lernen und ihren Schulalltag verbringen werden. Auch für die Eltern ist die Situation belastend. «Sie haben bei uns Vertrauen bekommen und sind sehr zufrieden», sagt Elderhorst. Nun fürchteten einige, dass es am neuen Ort anders zu und her gehen könnte. Zu Beginn seien viele Eltern skeptisch gewesen. Sie seien erst kurz zuvor in die Schweiz gekommen, in ein unbekanntes Land, in eine unbekannte Schullandschaft – und hätten ihre Kinder nun einer Schule anvertrauen sollen, die selbst erst im Aufbau war. Elderhorst erinnert sich an ein Elternpaar, das lange skeptisch blieb. «Es brauchte einige Monate, und jetzt, wo auch dieser Schüler uns verlassen muss, flossen bei den Eltern die Tränen.» Das zeige, wie stark dieses Projekt mit Emotionen verbunden sei – bei Eltern, Lehrpersonen und allen Beteiligten.
Ein Ort der Entwicklung
Die Anschlusslösungen werden vom BKS organisiert. Für einige Kinder sei der bevorstehende Schulwechsel nachvollziehbar und gut bewältigbar, sagt Elderhorst. Manche Eltern hätten die künftigen Schulen bereits besucht und einen positiven Eindruck gewonnen. Gleichzeitig gebe es Familien, bei denen noch viele Fragen offen seien. Für ein Kind sei noch kein geeigneter Platz gefunden.
Die vergangenen Jahre waren geprägt von Aufbauarbeit, Anpassung und viel Engagement. «Eine ukrainische Schule in der Schweizer Bildungslandschaft ist schon ziemlich einzigartig», sagt Elderhorst. Besonders gewesen sei auch, dass hauptsächlich ukrainische Mitarbeitende im Team tätig waren, fast alle selbst geflüchtet, begleitet von einer nicht-ukrainischen Schulleitung und einigen erfahrenen Sonderschullehrerinnen vom Standort Lenzburg. Die Annäherung der beiden Kulturen habe Zeit gebraucht. Am Anfang seien viele Mitarbeitende unsicher gewesen, wie sie handeln sollten. Sie hätten aus der Ukraine andere Arten des Umgangs mit Lernstoff, mit Kindern, Eltern und Schulleitung gekannt. Immer wieder seien Fragen aufgetaucht wie: «Dürfen wir …?» oder «Müssen wir …?»
Mit der Zeit habe sich vieles verändert. «Am Anfang musste ich der Direktor sein, erst später wurde es möglich, kollegial miteinander die Schule und den Schulbetrieb zu gestalten», sagt Elderhorst. Selbstverantwortliches Handeln habe immer mehr entstehen können. Die Motivation und die Zusammenarbeit im Team seien von Anfang an enorm gewesen. Herausfordernd war vieles: der Aufbau, die unsichere Zukunft, die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder, die Verbindung verschiedener pädagogischer Ansätze und die emotionale Belastung. Die Schule stand mehrfach vor einem möglichen Ende – auf Sommer 2024, auf Sommer 2025 und nun endgültig auf Sommer 2026. Zwei Mal wurde die Schliessung nochmals verschoben. Für Eltern, Mitarbeitende und auch für ihn selbst sei das nicht einfach gewesen, sagt Elderhorst.
Gleichzeitig sieht er grosse Fortschritte. Die Kinder seien von Beginn an von Fürsorge, Wärme und Unterstützung umgeben gewesen. Viele hätten sich sozial, sprachlich und emotional deutlich entwickelt. Besonders auffällig seien die positiven Veränderungen in der sozialen Interaktion gewesen. Viele Kinder hätten Freundschaften aufgebaut, sich als Teil einer Gemeinschaft erlebt, mehr Selbstständigkeit und Selbstvertrauen gewonnen. Auch im Deutschen seien deutliche Fortschritte erzielt worden.
Was bleibt, ist ein grosser Erfahrungsschatz. «Wir haben gelernt, Problematiken zu erkennen und geeignete Lösungswege zu finden», sagt er. Heute sei man im Unterrichtsprozess flexibler und könne sich unterschiedlichen Situationen besser anpassen. Vor allem aber bleibe die Erfahrung, jedes Kind in seiner Einzigartigkeit wahrzunehmen und einen individuellen Zugang zu suchen.
Persönlich blickt Elderhorst mit Dankbarkeit auf diese Zeit zurück. «Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Herausforderung annehmen durfte und konnte. Dabei habe auch ich viel Neues gelernt und es war mir eine grosse Freude mit diesem Team arbeiten zu dürfen.»»



