19 Glocken und zwei besondere Geschichten
Staufen Das geplante Carillon am Staufner Trafoturm nimmt konkrete Formen an. Alle Glocken sind vergeben, die Baubewilligung liegt vor und der Liefervertrag ist unterzeichnet. Ende November 2027 soll das Glockenspiel erstmals öffentlich erklingen.

Die erste Glocke war rasch vergeben – und gleich die grösste. Die Gemeinde Staufen sicherte sich als erste Patin eine der insgesamt 19 Glocken des künftigen Carillons am Trafoturm. «Dass es gerade die grösste war, hat uns sehr gefreut», sagt Gallus Zahno vom Projektteam.
Inzwischen haben alle Glocken eine Patin oder einen Paten gefunden. Privatpersonen, Unternehmen, Institutionen und die Gemeinde haben damit die finanzielle Grundlage für das Glockenspiel geschaffen. Hinter einzelnen Patenschaften stehen Geschichten, die weit über eine gewöhnliche Spende hinausgehen.
Ein Ehepaar, das heute in Lenzburg lebt, verbindet mit dem Trafoturm eine ganz persönliche Erinnerung. 1970 besuchten die beiden das Lehrerseminar in Aarau. Auf dem Heimweg verabschiedeten sie sich jeweils beim Trafoturm – wobei diese Abschiede offenbar nicht selten etwas länger dauerten. Jahrzehnte später entschieden sie sich, als Erinnerung an ihre Zeit des Verliebtseins eine Glockenpatenschaft zu übernehmen.
Eine andere Geschichte führt ins Alterszentrum Obere Mühle. Ein älterer Staufner erfuhr durch seine Tochter vom Projekt und wollte unbedingt eine Glocke finanzieren. Doch zu diesem Zeitpunkt waren bereits alle 19 vergeben. Deshalb übernahm der ehemalige Konstrukteur eine Patenschaft für den Glockenrahmen. Mit der Materie sei er bestens vertraut, sagt Zahno. Seiner Tochter habe der Mann zudem anvertraut, sie könne später für ihn einen günstigeren Grabstein auswählen – die Unterstützung des Carillons sei ihm wichtiger.
Gegossen wird in Chargen
Auch technisch ist das Projekt inzwischen weit fortgeschritten. Anfang Juni wurde mit der Turmwerk AG Aarau, einem Unternehmen von Rüetschi Aarau, der Vertrag über die Lieferung des Carillons abgeschlossen. Dieser umfasst die Glocken, die Magnethämmer und die elektronische Steuerung.
Die 19 Glocken werden nicht einzeln nacheinander, sondern in sogenannten Chargen gegossen. Dabei wird die flüssige Bronze, die sogenannte Glockenspeise, je nach Glockengrösse auf mehrere Formen verteilt. Anschliessend werden die Glocken geprüft und gestimmt.
Gerade die Stimmung ist beim Carillon entscheidend. «Im Unterschied zu Kirchenglocken müssen die Glocken eines Glockenspiels haargenau stimmen, weil mit ihnen Melodien gespielt werden», erklärt Otto Moser vom Verein Carillon Staufen. Für das Staufner Carillon braucht es 19 exakt bestimmte Tonhöhen. Der aufwendige Herstellungsprozess lässt sich deshalb nur bedingt beschleunigen.
Erstes Erklingen im November 2027
Auf den genauen Zeitpunkt des Glockengusses hat das Projektteam keinen Einfluss. Die Arbeiten am Trafoturm sollen jedoch voraussichtlich im Sommer 2027 beginnen. Zunächst wird das Gebäude eingerüstet, danach sind kleinere Renovationsarbeiten an der Fassade vorgesehen. Im Herbst soll der Glockenrahmen montiert werden. Für dessen Produktion und Montage ist die Firma Wülser Metallbau aus Lenzburg verantwortlich. Der Metallgestalter Franz Arnold aus Schafisheim hat einen Entwurf ausgearbeitet, der die architektonische Form des Trafoturms aufnimmt. Danach folgen die Montage der 19 Glocken, die Installation der Technik und die ersten Tests. Das Ziel ist klar: Am letzten Donnerstag im November 2027 soll das Carillon bei der Einweihung des Weihnachtsbaums auf dem Lindenplatz erstmals öffentlich erklingen.
Rund 30 Melodien finanziert
Auch das musikalische Repertoire wächst. Rund 30 Melodien sind bereits mit Beiträgen von je 250 Franken finanziert worden. Einige Spenderinnen und Spender haben ihre Unterstützung mit einem Liedwunsch verbunden. Diese Wünsche möchte das Projektteam nach Möglichkeit berücksichtigen. Der Staufner Musiker Urs Erdin wird die Melodien als Midi-Dateien einspielen. Anschliessend speichert die Turmwerk AG diese in der elektronischen Steuerung. Geplant sind verschiedene Wiedergabelisten, etwa für die Weihnachtszeit oder den Sommer. Aus diesen soll die Steuerung per Zufallsgenerator jeweils ein oder zwei Stücke auswählen. So sollen alle Melodien regelmässig zum Zug kommen. Im Alltag soll das Carillon mindestens einmal und höchstens zweimal täglich spielen. Unter der Woche ist ein Zeitpunkt um die Mittagszeit vorgesehen. Am Samstagvormittag soll die Musik Passantinnen und Passanten zum Innehalten bewegen und vielleicht auch zusätzliche Kundschaft ins Dorfzentrum locken. Am Sonntagnachmittag könnte das Glockenspiel Familien auf ihrem Spaziergang zum Lindenplatz führen.
Die Voraussetzungen für die Umsetzung sind geschaffen. Anfang 2026 wurde das Baugesuch eingereicht, im März erteilte der Gemeinderat die Baubewilligung. Mit der Gemeinde konnte zudem ein Mietvertrag für den Trafoturm abgeschlossen werden. Für den Glockenrahmen fanden sich drei Gönner.
Weitere Mittel werden dennoch benötigt. Sie sollen dereinst in den Unterhalt des Carillons und in zusätzliche Melodien fliessen. Denn je grösser das Repertoire, desto abwechslungsreicher können die Glocken später über dem Lindenplatz erklingen.



