Industriekultur am Aabach: Industriekultur im Wandel
Industriekultur Von der einstigen Textilmanufaktur Laué in Wildegg ein Schritt ins nächste Zeitalter. Umnutzung des Areals, was bleibt, was wird neu, eine spannende Ausgangslage.

Der Verein Industriekultur am Aabach befasst sich mit der Geschichte entlang dem Aabach und betrachtet dabei auch die Umnutzungen der einst prägenden Industrieareale. Die Zeit bleibt nicht stehen und grosse Veränderungen mit Wohnüberbauungen und Gewerbeflächen entstehen. Dabei soll aber nicht einfach alles dem Erdboden gleichgemacht werden, sondern mit Gestaltungsplänen und Auflagen der Behörden soll die Geschichte weitergeschrieben werden. Entwicklungen müssen möglich sein, aber nicht zu jedem Preis.
Das Kraftwerk der Alfred Müller AG – vormals Kupferdraht-Isolierwerk AG
Wenn man heute der Strasse von Niederlenz nach Wildegg entlangfährt, sieht man auf der linken Seite der Strasse das Aabach-Einlaufwerk für das Kraftwerk der ehemaligen Kupferdraht-Isolierfabrik in Wildegg. Dieses Einlaufwerk wurde vor kurzem auf den neuesten Stand der Technik gebracht und bringt das Wasser vom Aabach zum Kraftwerk. Von diesem Einlaufwerk zieht sich der Kanal entlang der Strasse und unterquert diese kurz danach, wo sich der Hornikanal bis zum Kraftwerk zieht. Speziell daran ist, dass mit dem Hornikanal das Wasser vom Aabach auf die andere Talseite gebracht wird und dort geschickt die Hanglage bis zum Kraftwerk genutzt wird. Die 1939 eingebaute Kaplan-Rohrturbine mit einer Leistung von 145 Kilowatt konnte ein Gefälle von 7,45 Meter bei einer mittleren Wassermenge von 2,4 Kubikmeter pro Sekunde nutzen. Die zweite Besonderheit liegt darin, dass das Wasser nach dem Kraftwerk nicht wieder in den Aabach fliesst, sondern sich in die Bünz ergiesst, welche wenige hundert Meter später in den Aabach und mit diesem in die Aare fliesst.
Erneuerung
Das Kraftwerk gehört heute der Alfred Müller AG und verfügt über eine Konzession bis 2072. Das Kraftwerk, welches im Jahr 1939 eingebaut worden ist, wurde 2019 umfassend renoviert und den heutigen hohen Anforderungen vom Kanton angepasst. Dabei wurden die Turbine wie auch der Generator einer kompletten Revision unterzogen. Mit der so ertüchtigten Anlage können 125 Kilowatt Strom erzeugt werden. Dies aus einer Wassermenge von 2,5 Kubikmeter Wasser pro Sekunde.
Das Laué-Areal
Betrachtet man das Areal aus der Vogelperspektive, sieht man den Kanal, welcher sich am Fuss des Hochplateaus an den Strohegg-Hof schmiegt. Ein erholsamer Spazierweg führt entlang dem Kanal bis zu den Einlaufrechen des Kraftwerks. Lässt man den Blick über die alten Sheddachhallen schweifen, kann man die Geschichte erahnen, welche auf diesem grossen Industrieareal geschrieben worden ist. Die Villa Laué, direkt an der Bruggerstrasse gelegen, mit dem dahinterliegenden Park zum Werkareal hin zeugt vom Wohlstand, welcher hier erarbeitet wurde. Es zeigt aber auch auf, dass die Textilmanufaktur in dieser Dimension keine Zukunft mehr hatte und dass neue Wege und Nutzungen gesucht werden mussten. So kam der erste grosse Wechsel von der Textilmanufaktur Laué zum Kupferdraht-Isolierwerk. Dieses wurde 1920 von Karl Tobler gegründet und brachte eine erste Richtungsänderung. 1969 wurde der Betrieb von der Firma Kabelwerke Brugg übernommen. Im Jahr 2011 wurde das 3,2 Hektar grosse Areal Lauématt von der Firma Alfred Müller AG übernommen mit dem Zweck, eine Umnutzung vom Areal mit 75 Prozent Wohnraum und 25 Prozent Gewerbeanteil zu realisieren.
Industriekultur
Es ist hart mitzuverfolgen, wie immer mehr grosse Industriegebiete aufgegeben werden und wichtige Zeitzeugen verschwinden. Die Hürden, solche Areale zu bebauen, sind recht hoch und die Gemeinden wie auch der Kanton legen die Messlatte richtigerweise sehr hoch an. Zudem werden die zu bebauenden Areale oft an einem prominenten Ort mit einem Relikt bestückt, welches an die grossen Geschichten erinnern soll. Doch damit ist es nicht getan. Vor allem wenn man bedenkt, dass diese Industrieareale bevorzugterweise an Flüssen und Bachläufen entstanden sind mit dem Zweck, die Wasserkraft zu nutzen. In der heutigen Zeit wird erkannt, wie wichtig ein sorgfältiger Umgang mit diesen sensiblen Arealen ist. Wasser wird nicht mehr primär als Krafterzeuger gebraucht, sondern belebt die Wohngebiete, bringt Ruhe und ein entspanntes Umfeld mit. In den so umgenutzten ehemaligen Industriearealen lässt es sich hervorragend leben.
Das ist der Lauf der Zeit. Geben wir den Umnutzungen eine Chance, halten aber daran fest, dass nicht der schnelle Gewinn entscheidend ist, sondern dass sich die Gemeinden mit den Umnutzungen gute Strukturen geben und so Wohnqualität fördern müssen. Deshalb ist es wichtig, dass nicht nur mit einer Gedenktafel daran erinnert wird, was einmal war, sondern dass der Industriegeschichte der gebührende Platz eingeräumt wird. Denn nur dank dem Pioniergeist unserer Vorahnen wurde dies alles möglich.
Die Patrons, die sich geprägt durch Innovationskraft und Unternehmertum in der Region niedergelassen haben, haben die Grundsteine gelegt. Sie haben Wohlstand und viele Arbeitsplätze in die Region gebracht. Ländlich geprägte Gemeinden entwickelten sich nach und nach und gleichzeitig entstanden im Sog der Entwicklung viele neue Zulieferbetriebe.
Der Höhenflug der Textilindustrie währte bei uns nicht unendlich. Grosse prägende Firmen mussten erkennen, dass Neuausrichtungen nötig wurden. Wenn ein Unternehmen nicht mehr tragfähig in die Zukunft geführt werden kann, müssen Schritte in die Wege geleitet werden, um sich mit Innovation der neuen Zeit anzupassen.
So gesehen wiederholen sich die Geschichten. Wir werden immer wieder dazu gedrängt, neue zeitgerechte Lösungen zu finden. Entwicklungen prägen unser Leben! Den kommenden Generationen Lebens- und Arbeitsraum zu schaffen, ist Herausforderung und Pflicht zugleich.
Zukunft Mit dem Gestaltungsplan Lauématt von 2023 hat die Firma Alfred Müller AG in Baar die wichtigen Planungsschritte in die Wege geleitet und Zielsetzungen festgelegt, die in 5 Punkten zusammengefasst sind.
1. Wohnen und Arbeiten
Kombiniert oder in direkter Nachbarschaft. Bestenfalls sind gegenseitig ergänzende Nutzungen zu etablieren.
2. Industriekultur
Geschichte als erlebbares Ambiente umsetzen. Verbindung von Alt und Neu räumlich und architektonisch ermöglichen.
3. Parkanlagen
Aussenräume mit hoher Aufenthaltsqualität unter Berücksichtigung verschiedener Hierarchien (öffentlich/privat) schaffen.
4. Wasserkraft
Als Teil der industriellen Vergangenheit in den Gesamtkontext einbeziehen.
5. Bezahlbar
Für eine breite Bevölkerungsschicht erschwingliche Wohn- und Arbeitsumgebung in historischem Industrieambiente ermöglichen
Gesamthaft sollen 160 Wohnungen entstehen, welche bis zu 390 Personen Platz bieten. Das im Planungsperimeter stehende, markante Manufakturgebäude steht unter Substanzschutz und darf nicht abgebrochen werden. Ebenfalls Schutzstatus geniesst der Aabachkanal, welcher zu erhalten ist.



