«Elder Statesman» und politische Durchstarterin im Gespräch

Müllerhaus Er kam im Jahr zur Welt, in dem der Zweite Weltkrieg zu Ende ging (1945), sie im Jahr, als die Grünen erstmals in den deutschen Bundestag einzogen (1983). Er hat eine sehr lange Karriere in zahlreichen öffentlichen Ämtern hinter sich, sie startet gerade durch. Ulrich Siegrist und Christina Bachmann-Roth waren die Gäste am vergangenen «Lenzburg persönlich».

Die Gäste und der Moderator: Ulrich Siegrist, Christina Bachmann-Roth und Peter Buri.Foto: zvg
Die Gäste und der Moderator: Ulrich Siegrist, Christina Bachmann-Roth und Peter Buri.Foto: zvg

Die Gästepaarung Ueli Siegrist, ehemaliger Regierungsrat, Nationalrat, Grossrat, Gerichtspräsident und Inhaber unzähliger öffentlicher Mandate und Funktionen, und Christina-Bachmann-Roth, seit 1. Januar Frau Vizeammann von Lenzburg, seit fünf Jahren Präsidentin der «Mitte-Frauen Schweiz», Unternehmerin und unter anderem auch Jägerin, brachte am Sonntagmorgen ein rekordgrosses Publikum ins Müllerhaus.

Was ist «bürgerlich»?

Dem grössten gemeinsamen Nenner entsprechend, nahm in der von Peter Buri moderierten Gesprächsrunde die Politik viel Raum ein. Diskutiert und analysiert wurde unter anderem auch der Begriff «bürgerlich» beziehungsweise die damit verbundenen Werte. Beide Gesprächsgäste verorteten sich zwar unter diesem politischen Label, aber mit einigen differenzierenden Hinweisen, vor allem im inhaltlichen Bereich; so erkannte Siegrist zum Beispiel im Bereich der Finanzpolitik Unterschiede zur Position von Bachmann-Roth. Beide stimmten aber darin überein, dass für sie mit «bürgerlich» auch die Art und Weise, der Stil des Politisierens gemeint sei: beispielsweise Verlässlichkeit, Vertrauen in die demokratischen Institutionen und vor allem gegenseitiger Respekt über die Parteigrenzen hinweg.

Ueli Siegrist erzählte, dass es unter anderem aus diesen Gründen für ihn naheliegend gewesen sei, seinerzeit der Bauern-, Gewerbe- und Bürgerpartei (BGB) beizutreten, abgesehen von seinem kleingewerblichen Familienumfeld. Zur Sprache kam auch sein späterer Bruch mit der BGB-Nachfolgepartei SVP, die sich nach der Jahrtausendwende immer schneller und fundamentaler von den von Siegrist hochgehaltenen Werten entfernte. Auch für die in einer Käsereifamilie im luzernischen Michelsamt aufgewachsene Christina Bachmann-Roth war der Beitritt zur CVP (heute «Die Mitte») biografisch folgerichtig. Heute sieht sie eine grössere Notwendigkeit denn je, zwischen den extremen Lagern ausgleichende Positionen zu vertreten, während Siegrist auf das dabei im Auge zu behaltende Risiko des «Lavierens» und «Schwankens» hinwies.

Provozieren als Stilmittel

Interessant waren auch die Ausführungen der beiden «Animaux politiques» zu ihrem persönlichen Politstil. Christina Bachmann-Roth nahm die Feststellung, dass sie eine «Meisterin der wohldosierten Provokation» sei, mit einem Lächeln zur Kenntnis und erklärte, dass ihr aufsehenerregender und viele Leute irritierender Wahlslogan «Bald kommen meine Tage» keine Spontanaktion gewesen, sondern wohlüberlegt und bewusst gewählt worden sei: «Ich war frisch in den Aargau, nach Lenzburg, zugezogen und wollte mich politisch engagieren. Da blieb mir fast nichts anderes übrig, als auf solche Weise von sich reden, sich bekannt zu machen.»

Sie sei sich auch bewusst gewesen, dass sie dieser Spruch wohl ein Leben lang verfolgen werde und gegen Ende ihrer politischen Karriere der Kalauer drohe «Bald enden deine Tage». Ueli Siegrist führte aus, dass er meistens eher im Hintergrund versucht habe, politische Erfolge «einzufädeln», und wenn ab und zu etwas als provozierend wahrgenommen worden sei, sei dies weniger von ihm als viel mehr von den andern so empfunden worden.

Familie und Politik: Alles unter einem Hut?

Sehr eindrücklich – und dem «Persönlich»-Anspruch der Lenzburger Talkrunde entsprechend – waren die Ausführungen von Ueli Siegrist und Christina Bachmann-Roth zur Frage, «Wie bringt Ihr alle Eure politischen und öffentlichen Aktivitäten und das Privatleben, die Work-Life-Balance unter einen Hut?». Die ehrliche Antwort von Ueli Siegrist: «Es geht nicht.» Seine Familie, seine Kinder seien in der berufs- und politikaktiven Phase seines Lebens viel zu kurz gekommen. Er bedaure diesen Fehler und habe erst in einer späteren Phase des Lebens gelernt, dass Glücklichsein eigentliche auf einer anderen Ebene als in Politik und Beruf stattfinde. Umso mehr freue ihn, dass seine beiden Töchtern trotzdem heute im Müllerhaus als Zuhörerinnen anwesend seien. Christina Bachmann-Roth, verheiratet und Mutter von vier Töchtern, bestätigte ebenfalls die enorme Herausforderung, ihre zahlreichen politischen und beruflichen Engagements und das Privat- und Familienleben miteinander zu vereinbaren: «Ich muss mindestens fünf Kalender führen.» Sie zeigte sich dankbar für das Verständnis ihres Ehemannes und der Kinder.

Beim Themenblock Lenzburg erkannten beide das Verdauen des enorm starken und raschen Wachstums der letzten Jahre und Jahrzehnte und den sich mit über 1000 neuen Wohnungen abzeichnende neue Wachstumsschub als grösste Herausforderungen der Stadtpolitik. Christina Bachmann-Roth verwies dabei auf das nun von Seiten des Stadtrats von ihr geführte Dossier «Bahnhofsentwicklung», das eine sehr hohe Dynamik aufweise und bei dem es nun richtig losgehe. Ueli Siegrist erinnerte in seinem Schlussvotum daran, dass man sich bewusst sein sollte, «dass es uns in Lenzburg trotz all dieser grossen Herausforderungen und Probleme im Vergleich zu sehr, sehr vielen anderen Orten in der Welt immer noch sehr, sehr gut geht – und wir dafür dankbar sein müssen».(sm/rfb)

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