Santa Mozzarella!
Salzkorn

Ampeln werden ignoriert, Autos stehen quer, Vespas schlängeln sich durch die Lücken, darüber hinweg braust pausenlos ein Chor aus Hupen. Und trotzdem steht irgendwo mittendrin einer an der Bar, trinkt Espresso und sieht aus, als hätte er alle Zeit der Welt.
Üblicherweise ist das mein Vater. Er kommt aus Italien, genauer: aus einem Bergdorf im Süden von Molise. Kürzlich war er bei uns in der Schweiz zu Besuch. Nach einer Woche sagte er, er sei in dieser Zeit um zehn Jahre gealtert. Nicht wegen der Preise. Nicht wegen des Wetters. Sondern wegen uns. Wir Schweizer seien stressig.
Santa Mozzarella! Erst wollte ich widersprechen. Wir? Stressig? Niemals. Ich sagte es mit jener Gelassenheit, mit der man gleichzeitig das Handy sucht, die Kinder antreibt und ausrechnet, ob es noch für einen kurzen Stopp bei der Migros reicht. So sind wir Schweizer eben. Wir koordinieren. Selbst beim Kaffee. «Wir könnten noch kurz Kaffee trinken, aber nur, wenn wir um 14.17 Uhr bestellen, um 14.31 Uhr zahlen und um 14.36 Uhr wieder losfahren.»
Besonders schön zeigt sich unser Talent kurz vor den Sommerferien. Die Sonne scheint, die Kinder sind müde, die Erwachsenen auch, irgendwo wartet bestimmt bereits ein Liegestuhl. Doch bevor wir entspannen können, müssen wir erst noch alles erledigen: Abschlussapéros, Vereinsanlässe, Zahnarzttermine, Lehrerinnengeschenke, Packlisten, Jugendfest. Und auch die Ferien selbst überlassen wir nicht dem Zufall: Route geplant, Trip-Advisor-Bewertung geprüft, Sonnencreme gekauft, Parkplatz recherchiert.
Vielleicht hatte mein Vater nicht ganz unrecht. Vielleicht sind wir tatsächlich ein bisschen stressig. Ich sollte es diesen Sommer einmal wie er machen: mich irgendwo an eine Bar stellen, einen Kaffee bestellen und so aussehen, als hätte ich alle Zeit der Welt.
Von 14.17 bis 14.31 Uhr.
Dann muss ich weiter.



