Salzkorn: Grauen-Haft

Heiner Halder
Heiner Halder

Wohl jenen, welche den Mut und die Mittel haben, die Skiferien in den Bergen zu verbringen. Dem grauen Alltag in den Gefilden hienieden zu entrinnen und sich vermeintlich sorglos von den strikten Sachzwängen im Tal zu befreien. Vom Überfluss der weissen Materie dort droben weit und breit zu profitieren, welche uns drunten Hinterbliebenen nur für kurze Zeit vorzüglich vergnüglich zur Verfügung stand.

Was die gute Frau Holle uns so grosszügig beschert hat, war leider nur ein kurzes Kapitel im Wintermärchen. Mit Streusalz aus den Salinen von Riburg, wo 100000 Tonnen lagern, wurde (mit Verlaub: im Vergleich zu unseren poetischen «Salzkörnern» nachhaltig mit sofortiger Wirkung) im Verein mit Regen und fleissigen Bauamtsbeamten innert wenigen Tagen die weisse Pracht zumindest verlagert und vernichtet. Das gewohnte grosse Grauen in unseren Niederungen nahm wieder Platz am Himmel und auf Erden.

Und grausam: Was in der Natur natürlich echt und recht ist, wird jetzt sogar materiell in unseren öden Alltag infiltriert und gnadenlos vermarktet. Ausgerechnet GRAU wird von der amerikanischen (wer denn sonst?) Farbenfirma Pantone nach dem letztjährigen Classic Blue als «Farbe des Jahres 2021» ausgerufen!

Statt fröhlicher optimistischer Buntheit als alternativer Muntermacher in unserer deprimierenden Grosswetterlage sind langweiliges Mausgrau, Aschgrau, Feldgrau, Rauchgrau, Schiefergrau grosse Mode. Die täglich den Briefkasten verstopfenden Werbebroschüren für Möbel und Kleider beweisen es.

Fazit: Wer in den Ferien den Bazillus eingefangen hat und im modisch mausgrauen Skidress in sein mit modernem Mobiliar bestücktes Heim zurückkommt, sitzt schlimmstenfalls in der Quarantäne buchstäblich in der Grauen-Haft.

 

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